Podlog #013 2017-01-13

13. Januar 2017, die dreizehnte Folge. Ich komme heute wieder nicht zu Bourdieu, dafür zum Sonntagssoziologen, genauer zu seinem Kommentar hier. Was bedeutet es, wenn man überrascht ist, in den Argumentations- und Umgangsformen seines Nazigegenübers die eigenen Formen zu entdecken? Worauf weist das hin, welche Erkenntnis ist dadurch überhaupt erst möglich? Ein paar Notizen…

4 thoughts on “Podlog #013 2017-01-13”

  1. Lieber Moritz!

    Ich hatte gestern mich etwas abschätzig über den Akademismus geäußert und vom System der Hochschulen, Universitäten dem die meisten nicht auskommen würden.

    System kann ja unterschiedlichst verstanden werde. Ich möchte – als ehemaliger Lehrer – meine Sicht dazu beitragen:

    Du hattest Frau Petra Gehring und deren Hegel Vorlesungen empfohlen.

    Ich vermute mal. Ihr kann nicht vorgeworfen werden, dass Sie das System vertritt und trotzdem, kann gerade an Ihrer vorzüglichen Hegelvorlesung herausgearbeitet werden wie das System sich bis in die Äußerungen, in die Wortwahl und damit ins Denken einschleicht.

    Zuerst: Jeder der zB. die Phänomenologie des Geistes darlegen will wird auf eigene Worte,
    Bilder zurückgreifen, ja, es wird sogar von einem guten Vermittler ( ich sage bewußt nicht Lehrer, Professsor….), Redner erwartet, dass er die Gedanken des Autors, den er vorstellt in eigene Worten vorträgt.

    Was sind die eigenen Worte ( Ich sehe jetzt davon ab, dass P.G. nicht die erste ist die Hegel mit diesen Worten darstellt, möchte nur die Differenz zu Hegels Worte herausstreichen), mit denen Frau Gehring Hegel vermittelt: Zum Beispiel das Wort Perstektivewechsel, höhere Ebene, abstarkter, spiralig emporwinden, das Werden, der Prozess usw

    P. G. in etwa: “Hebt man das Hin und Her zwischen dem Etwas und dem Mir auf eine höhere Ebene, wechselt man die Persprektive erkennt man das Allgemeine des Gegenstandes und des Mir als ein Ich ……….

    “Hegel begibt sich auf eine höhere Ebene – Er schaut auf das Werden, auf das Hin und Her zwischen Hier und Hier, in dem Werden der Hiers und den Mirss erkenn wir ein durchgehendes Hier, ein durchgehendes Ich, ein Allgemeines, das ist die höhere anstraktere Ebene……”

    Völlig drausen gelassen wurde die entscheidende Argumentation von
    G.W. F.Hegel, der behauptet: in der realen Negation des Jetzt (oder Hier), nämlich im wirklichen erleben dass, das Jetzt sobald ich es erfassen will ein anderes Jetzt ist und in der NEGATION dieses Jetz ein Allgemeines als Vermitteltes erscheint, ein Jetzt das durchgägig ist und etwas anderes als das verloren gehende oder sich selbst negierende Jetzt.

    Petra Gehring sieht völlig von dem entscheidenden Begriff der Negation ab, der die ganze Stufenleiter der Phänomenologie durchzieht – wenn man es schon so missverständlich stufig bezeichnen will – der das eigentlich Verbindende all der Stufen ist, oder anders gesagt, sie lässt den Geist, der als Negation erscheint fast ganz drausen.

    Bezeichnend ist, dass wo sie von Vorstellung spricht, beim verlorene Schlüsselbund das erste Mal das Wort Negation ins Spiel bringt..

    Was soll das jetzt hier, in bezug auf Universität?

    Macht nicht jeder der das System eines Denkers darstellt seine Fehler, färbt nicht jeder, muss nicht jeder, um etwas zu erfassen dieses einfärben?
    Und ist das, was ich hier in Ansätzen gemacht habe nicht gerade das positive eines akademischen Diskurses?

    Ja, nur ist das sofort vorbei, wenn diejenige, derjenige Lehrer, Professor ist!

    Wie kommt es zu dem Fehlen des Wesentlichen bei der Frau Professor?

    Es kommt zustande, weil sie Lehrerin ist, sich als solche versteht. als solche anerkannt ist und aus dem Grunde sich die Aufgabe der Vermittlung a n d i ch t e t – vielleicht lässt sie auch desshalb geflissentlich das ebenso entscheidende Wort “vermitteln” bei Hegel weg.

    DasSystem erwartet es von Ihr, dass Sie Hegel vermitteln kann, und sie erwartet es von sich, dass Sie Hegle vermitteln kann und dann abprüfen kann, auch wenn Sie, wie ein alter Fuchs wie ich sofort bemerke gerade dort wo sie mit Zeichnungen arbeitet ins Schleudern kommt) –

    Ja! Hegel existiert nur im akademischen Bereich, nämlich dafür. um abgeprüft zu werden. Er existiert damit jemand dort einen Job bekommt, Erv existiert an der Uni damit damit klar ist wer Hegel ist, damit in der Sammlung der Churfürsten auch das Geweih G.W.F Hegel gezeigt werden kann und bitte, das soll dann nicht irgendein mikriges Krickel sein, das muss dann schon ein Zwölfender sein.

    Die Jagd war immer schon auch und ist heute noch ein Sache der Frauen – kleidet sich doch gut ein grünes Kostüm mit Stiefeln….

    Bin jetzt böse…..das wird Frau Gehring nicht gerecht – die kann ja auch Vermitteln, aber vielleicht ist gerade das das Problem und jene Fähigkeit wo das System einrastet……….

    Wie kann es anders gemacht werden?

    Das System verlangt, dass das mit Hegel klar ist, es erzwingt durch die Abprüfbarkeit die Klarheit. Ich möchte das geier nicht miterleben wenn die hustenden Studenten in einer Prüfung – schriftlich oder mündlich – diese Inahlte später wiedegenben müssen….

    Hegel, Heidegger, Husserl, Nietsche, Kierkegaard sind nur in ihrer Problematik, sind nur in dem was sie aufreisen, sind nur offen gehalten darstellbar.

    Als System (Systeme mag der Akademismus, er zieht darus seine Legitimation) sind dies Autoren nicht darstebar

    Das System der Hochschulen baut auf einem Begriff von Wissen auf, das völlig verschult wurde. Ihm fehlt die Bescheidenheit eines Nikolaus von Kues und seiner “De docta ignorantia”.

    Man macht das ganze ja nur um dem Bildungsauftrag des Staates gerecht zu werden – es geht auch anders nur bleiben dann wirklich nicht mehr viele Studenten über…

    Ich bin das beste Beispiel: Ich habe 14 Semester Kunst an der HFBK in Hamburg studiert, habe keine einzige Prüffung abgelegt bin unzählige mal, mehr als geprüft worden und als ich meine Abschlussbestätigung holte, war ich der einzige, der von einigen hundert Kunststudenten, die das Studium begonnen hatten übergeblieben ………………….die Prüfung nicht geprüft zu werden ist die härteste Prüfung!

    Ich sag das nicht einafch so, ich war Lehrer am Gymnasium und habe in abgeschwächter Form das System täglich erlebt – habe dort ein Philosophicum für die Schüler eingerichtet, auserhalb jeder schulischen Pflichten, was sehr gut ankam. Es existiert heute noch, andere Schulen haben es übernommen.

    Vielleicht hab ich ja etwas zur Diskussion um den Akademismus – ein altes Wort – beigetragen?

    Grüße aus dem Bergen
    wo ich mcih gerade einschneien lasse – wunderbar!

    Günter




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    1. Ergänzung: müsste heißen : “Zum Beispiel das Wort Perstektivewechsel, höhere Ebene, abstarkter, spiralig emporwinden, das Werden (die Bewegung) , der Prozess ( ?) usw”

      Sie führt die Negation schon ein, als Widerspruch (ist nicht dasselbe!), der sich auf der höheren, abstarkteren Ebene nicht aufhebt aber befriedet, so könnte man sagen, sagt Sie.

      “Aufheben” ist auch so ein verführerischer Begriff an dem sich schon viele die Zähne ausgebissen haben……… befrieden klingt gut……sehe ich aber nicht so, da gerade dadurch, dass es den allgeneinen Begriff gibt und dieser in Widerspruch mit der sinnllich Gewissheit gerät, sowie mit dem, was ich durch die Verallgemeinerung als sinnliche Wahrnehmung ausgrenzt wird, ist wohl das Gegenteil einer Befriedung der Fall …?

      Bewegung, zeitlicher Prozess, Geschichte der Begegung und besonders, wenn Sie sagt. das ist auch eine logische Frage, da gäbe es viel zu diskutieren…………………

      Grüße

      Günter




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  2. Danke für die Erklärung. Ich verstehe deinen Punkt nun besser. Zuvor war mir nicht klar, dass diese kleine Bemerkung doch mit so viel Hirnschmalz unterfüttert war. Vorbehaltlich potentiell neuer Erkenntnisse meinerseits nach von dir empfohlener Lektüre, habe ich drei grundsätzliche Probleme mit dem kritisch-theoretischen Argument.

    1) Du erklärst mir mit Mitteln der Vernunft, wieso diese Mittel im Diskurs mit Rechten nicht sein sollen. Was, wenn ich morgen meine Gesinnung ändern und als Rechter auftreten würde. Würdest du dann sagen “Meine Argumente vom 14.Januar sind für dich ab dem 15.Januar nicht mehr gültig.”

    Was ist mit öffentlichen Diskursen, die sowohl Linke als Rechte zum Publikum haben. Willst du per Fußnote hinzufügen, dass rechte Leserinnen und Leser deiner Aufsätze im Anhang eine für sie angepasste Argumentationslinie abseits der Vernunft finden? Soll sich rechtes Podiumspublikum bei bestimmten Argumentationsformen die Ohren zuhalten, weil diese Formen nur für andere Gesinnungen gut sind? Es gibt auch Positionen, die Teilrechts- und Teillinks sind, welche Formen willst du dann benutzen?

    Ich jedenfalls könnte nicht auf eine Argumentationsform vertrauen, die nur innerhalb meiner Gesinnungsgenossen Gültigkeit haben. Ich möchte, dass meine Argumente auch gegnerisches Feuer bestehen. Im Übrigen gilt: Nur, weil der andere schlagkräftigere Argumente vorbringt, heißt das noch nicht, dass ich falsch liege. Ich kann auch einfach rhetorisch unterlegen sein oder mir fallen noch gewichtigere Argumente gerade nicht ein. Deshalb sagen ein Gespräch oder ein Briefwechsel noch gar nichts, sondern man muss sich den öffentlichen Diskurs und die darin zirkulierenden Argumente insgesamt betrachten. Wenn der Diskurs aber so aussieht, dass die Guten untereinander in Formen argumentieren, die sie bei den Bösen nicht anerkennen, ist das für mich als soziologischen Außerirdischen nicht überzeugend.

    2) Dein Argument funktioniert nur in einem Nichtrechten Herrschaftskontext. Gewönnen die Rechten die Oberhand und würden argumentieren, vernünftige Diskursformen seien zu überdenken, sobald Linke sie benutzen, ich wette, du würdest protestieren, dass Argumente in vernünftigen Formen dazulegen seien und dass dies für jedermann und gesinnungsunabhängig zu gelten habe und dass eine Aussage “Du kannst noch so vernünftig argumentieren, aber du bist ein Linker, deshalb gilt’s nicht” eine intellektuelle Zumutung seien.

    3.) Irgendwann ist die Überraschung über “Vernunfts-Rechte” weg. Was dann?

    Ich sehe schon auch eine Gefahr, Rechten eine Plattform zu geben und sie in den Diskurs einzuladen. Ich glaube es war mal Franz Schönhuber, der beklagte, den Rechten fehlten die Intellektuellen. Ich bin mir auch noch nicht ganz schlüssig.

    Aber mach erstmal weiter mit Bourdieu :)




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  3. Mich hat deine Position nicht ganz losgelassen und so habe ich sie mit soziologischen Freunden diskutiert. Im Großen bleibe ich zwar bei meiner Einschätzung, muss aber zwei Dinge hinzufügen. Erstens, dass Rationalität (die wir zur Begründung von Standpunkten meist anmahnen) durchaus fatale Folgen haben kann. Faschismus und Sowjetkommunismus waren schließlich sehr rationale Gesellschaftsformen. Was der Rationalität vorgeschaltet sein muss, ist daher eine gehörige Portion Skeptizismus, die eigenen Axiome, aus denen heraus ich Rationalität fahre, stets als möglicherweise falsch zu verdächtigen. Das Böse ist Rationalität ohne Skeptizismus. Darüber hinaus konnten mir meine oben aufgeführten Punkte bislang nicht hinreichend weggewischt werden, um meine Position aufzugeben. Es läuft mir immer irgendwie darauf hinaus, dass irgendwer das Gute einfach out of the blue erkannt haben und dann auch ohne mühselige Begründung umgesetzt sehen will. Vielleicht läuft es auf tieferliegende Weltbilder hinaus? Meiner Auffassung nach wissen wir so gut wie nichts und können nur mit allerhöchster theoretischer und empirischer langwierigster Anstrengung ein schwach begründetes Modell der Welt entwerfen. Meine mir nie beantwortete Frage in den Gesprächen war immer, woher jemand eigentlich wisse, was das Gute sei.

    Zweitens halte ich es mit James Randi, der sagt, Wissenschaftler fänden wie alle Menschen genau das, wonach sie suchen, unabhängig davon, ob dieses existiert. So findet man meines Erachtens in jeder gegnerischen Position auch das Böse, wenn man es dort finden will. Was die Rechten betrifft, konnte ich bislang abseits von Eigeninteressen keine vernünftigen Argumente finden, die für diese Position sprächen. Vielleicht ist die Diagnose ja verfrüht, rechtsintellektuelle würden sich vernunftsrationaler Diskursmittel bedienen. Vielleicht muss man nochmal ganz genau hinschauen, ob es sich letztlich nicht als advokatische Rabulistik entpuppt. Das wäre zu prüfen und wäre dem so, müsste man eben gerade mit Nachdruck auf diese von dir kritisierten Diskussionsmuster pochen. Sollte dem aber nicht so sein, müsste ich mich hier wieder melden und weiter nachdenken.




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