Podlog #361 2017-12-27

27. Dezember 2017, die 361. Folge. Am ersten Tag des #34c3 ganz praktisch übers Handeln sprechen, über kritisches Handeln, Sprechen, Denken, Podcasten, das Podlog, über ganz praktische Fragen des Handelns, der Begeisterung an und für diesen Kongress, und all das bunte Treiben… mit Adorno zum Kongress: “den besseren Zustand denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.”

Quelle: Adorno, Theodor W. 1969. Minima Moralia: Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Bibliothek Suhrkamp 236. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 184 f.

One thought on “Podlog #361 2017-12-27”

  1. Lieber Moritz!

    Einige Gedanken zu „ kritisches Handeln“.

    Deine Begeisterung auf der #34c3, wie da (vordergründig) ohne sichtbare kommerzielle Interessen gewerkelt wird ist verständlich.

    Ich kann es mir in etwa vorstellen, da mein Sohn Programmierer ist, der egal wo er ist jemanden trifft, der für den dies, und das gemacht hat und diese sich sofort verständigen können. Ob Amerikaner, Israeli oder Taiwaner, sie Sprechen eine gleiche Sprache und habe sich unendlich viel begeistert zu erzählen………er selbst bastelt an Allem, es wundert mich eh, dass er nicht in Leibzig ist…?

    Ich verstehe dich emotional gut, wenn Du diese Begeisterung, die sich an den sich eröffnenden
    Elektro- wie Programm-technischen Möglichkeiten entzündet „ freies kritisches Handeln“ nennst.

    Ich zweifle aber ob der Begriff in sich stimmig und zutreffend gewählt ist?

    Einige Tage vorher hast Du ihn vom „Kritischen Denken“ her abgeleitet und das Kritische des Denkens auf ein möglich kritisches Handeln übertragen.

    Ausgangspunkt war ja deine Feststellung, dass das Nachdenken über Tun und Handeln immer auf Entscheidung hinausläuft und ob Bauch-Entscheidung oder spontanes Handeln, letztlich seien auch sie nur Varianten von entschiedenem Handeln.

    Dir fehlen die Worte, sagtest Du auch.

    Vielleicht werden hier die Grenzen des Handlungsbegriffes deutlich?

    Du hast den Handlungsbegriff im Zusammenhang mit der Feststellung der eigenen Geschwächtheit eingeführt und gefragt: Was ist, wenn man so geschwächt ist, dass man nicht Handeln und auch nicht entscheiden kann?

    Ich möchte hier den Begriff der Haltung einführen, der mir für das Phänomen zutreffender erscheint.

    Das Wort Handlung vereinzelt. Es ist ja wirklich so, dass man ganz oft nicht Handeln kann. Der Begriff alleine setzt so viel Entschiedenheit, Selektivität und Unterscheidung schon voraus, die man nicht immer leisten kann.

    Während eine Haltung verschiedene entsprechende Handlungen ermöglicht.
    Sie gibt sozusagen eine Richtung vor die unterschiedliches Tun, Handeln mit einschließt und diese nicht sofort richtig oder falsch polarisiert, sondern ein Maß gibt, das ein
    „Mehr oder Weniger zutreffend“ zumisst. Bei unzutreffendem Handeln geradezu die Möglichkeit für das nächsten Mal bereithält, etwas zutreffenderes dann bereitzustellen.

    Zweiter Punkt:

    Du kannst wohl sagen : Denken ist Handeln!
    Dies umzuwenden : Handeln ist Denken!
    Geht das so einfach?

    Handeln ist ein realzeitliches Ereignis.
    Denken auch, aber es schafft eine eigene Zeitdimension!

    Nur als symbolisches Handeln (Sprechen usw.) wäre es mit dem Denken entsprechend zu setzen.

    Ob man damit der Abstraktionsleistung der Sprache aber gerecht wird, oder dies nur symbolisch verwässert, ist eine andere Frage.

    So wird es auch ganz schwierig, überträgt man den Begriff der Kritik, der sich an der Sprache gebildet hatte (I. Kant) auf das Handeln.

    Kritisches Handeln wäre ein sich selbst reflektierendes, das im Tun zu sich selbst in einem kritischen Abstand steht und sich im Tun beobachtet und gleichzeitig handelt

    Dass es so ein von Autopoiesis geleitetes Handeln geben kann und dieses in bestimmten moralischen Situationen auch gefordert sein kann, sehe ich schon, aber ob das dann ästhetisch bzw. kreative genannt werden sollte bezweifle ich!

    Freies kreatives Handeln muss amoralisch sein, kann nie das Kriterium eines sich seiner selbst kritischen Bewußtseins entsprechen!

    Im Gegenteil, es hat das Risiko unmoralisch zu sein und ist in einem ganz speziellen Sinne dumm.

    Belegst Du Handeln mit dem was das kritische Denken ausmacht, belastet Du das Handeln, das experimentieren und das zuerst mal irgendwie Tun ( das technische Tun) mit einem ungeheuren moralischen Ballast ( ähnlich wie Kant mit seinem kategorischen Imperativ) von dem gerade das sich an Technik erfreuende Tun befreit zu haben glaubt.

    Technik ist nichts anderes als die Welt gewordene Transzendenz des Glaubens, die Diesseitigkeit jener Jenseitigkeit, mit all den Risiken und Höllen aus dem Jenseits, mit denen wir uns heute in dieser Welt rumzuschlagen haben!

    Risiko und kritisch geht nur Zeitverzögert, im Nachhinein oder im Voraus, zusammen nicht.

    Kreativität ist ein risikoreiches Handeln: Du kannst es nur tun in der Gewissheit es auch falsch zu machen.

    Was Du erlernen kannst, ist Maß zu halten ( Haltung ist nichts anderes als Maß zu halten) wie uns von Michelangelo bis Hegel immer wieder zugerufen wurde.

    Maß ist etwas anderes als kritisches Handeln, es hat die Wirkungen, die positiven wie die negativen des kritischen Handeln schon eingeschlossen.

    Liebe Grüße
    Aus den Bergen
    Die auf die Sektkorken
    Am Sylvester warten

    Günter

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