Podlog #057 2017-02-26

26. Februar 2017, die 57. Folge. Ich komme schon wieder nicht zu Miaimification, weil ich Nachträge und Gedanken zu einer schwierigen Diskussion notieren muss, die ich in den vergangenen zwei Tagen geführt habe. Konkret geht es um das Problem von Gesprächen, die an ihrem Ende ihre eigene Voraussetzung vernichten, und so implodiert, schwarze Löcher, Abgründe aufreissen, in die alle vergangenen, wie alle zukünftigen und allen voran das gegenwärtige Gespräche in ihren Voraussetzungen mit hinabgerissen zu werden drohen. Was sind die Voraussetzungen für Streitgespräche, Diskussionen, Debatten, Gespräche gemeinsamen, freundschaftlichen Denkens miteinander? Und was wäre die ultimative Vernichtung solcher Gespräche? Ein Blick in den Abyss aus gegebenem Anlass.

 

Quelle (Bild): Taro Taylor

2 thoughts on “Podlog #057 2017-02-26”

  1. Lieber Moritz!

    Es ist wieder so, dass es äußerst schwer ist etwas zu sagen, aber, da Du den Hörer ja in deine Gedanken hineinziehst, denke ich unweigerlich mit und weiter ( weiter nicht im Sinne von darüber hinaus).

    Deinem Gedanke, diese Ende des Gesprächs, das nach deiner Aussage die gesamte Grundlage dieses zerstört hatte, gehört möglicherweise zu jedem Gespräch dazu, möchte ich etwas ergänzend hinzufügen:

    Ihr hattet zwei Tage diskutiert, mit Argumenten hin und her und das Gegenüber beendet das Gespräch mit dem Satz: „Ich habe nichts dazu gelernt!“

    Sätze die Menschen sagen, sind nicht nur Argumente dafür oder dagegen. Auch wenn die Satzform es nahelegt, soll hier wohl etwas ganz anderes mitgeteilt werden, etwas, das die ganze Zeit eure Gespräch bestimmte, aber nie ausgesprochen wurde. Der Letzte Satz konnte nicht anders, als sich das Kleid er argumentativen Logik anzuziehen obwohl er etwas ganz anderes sagen wollte.

    Das habe ich aus dem was Du erzählt hast herausgehört.

    Der unausgesprochene Satz könnte z.B. lauten: „Über das Wesentliche haben wir nicht gesprochen.“ Oder: „Gegen Dich komm ich nie mit meinen Argumenten an!“ oder: „Das, was ich eigentlich sagen wollte konnte ich nicht sagen!“…….usw………..

    Satze drücken ja immer auch Gefühle aus und sind auch ein performativer, ein demonstrativer Akt.

    Ein Gespräch kann auch eine Art Kampf werden, in dem einer sich unterlegen fühlt, sich nicht wahrgenommen fühlt und dabei unerlaubte Waffen einsetzt …………….

    Oder:

    Jemand sagt im Anschluss an eine längere Diskusssion über ein Bild etwas, das völlig aus dem Erfahrungszusammenhang der anderen fällt, z.B. ein anerkannter Maler: „In dem Bild sind die Farben falsch eingesetzt!“

    In diesem Fall wurde ausgesprochen, was im oberen Fall unausgesprochen blieb, aber auch hier wurden, zumindest vorerst, allen bisherigen Argumenten die Grundlagen entzogen und erst wenn man an die angesprochene Erfahrungen selbst gemacht hat wird die Aussage klar, oft erst nach Jahren.

    Während im dem Fall des Malers die Aussage selbst einem helfen kann irgendwann, zu begreifen was damit gesagt wurde, kann bei der Aussage, „Ich habe meine Meinung nicht geändert“ nur vermutet werden, was damit gesagt werden wollte.

    Wobei auch hier nach kurzer oder langer Zeit sich zeigen wird, was gesagt werden wollte.

    Sprache besteht nicht nur aus assertorischen Sätzen (J. Habermas), oft, meist sind sie nur das Kleid für andere Sätze, die vielmehr Gefühls- oder Willensäußerungen sind!

    Zumindest ich habe das aus dem gehört was Du erzählt hast.

    Nimmt man als Grundlage aller Gespräche und Selbstgespräche das Gebet, wird die selbst-manifestierende Dimension der Sprache vielleicht deutlicher.

    Vieles sagt man ja – immer und überall – sich selbst!

    Grüße aus den sonnigen Bergen

    Günter




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  2. Ich musste bei der Notiz unweigerlich an den Aphorismus Nr. 44 (Für Nach-Sokratiker) in Adornos Minima Moralia denken, der mich kürzlich erst wieder etwas ratlos zurück ließ. Adorno schreibt dort zu Beginn:

    „Nichts ist dem Intellektuellen, der zu leisten sich vornimmt, was früher Philosophie hieß, unangemessener, als in der Diskussion (…) Recht behalten zu wollen. Das Rechtbehaltenwollen selber (…) ist Ausdruck jenes Geistes von Selbsterhaltung, den aufzulösen das Anliegen von Philosophie gerade ausmacht.“

    Es geht mir nicht so sehr um den impliziten Vorwurf Adornos, man habe in diesem Falle keine Philosophie betrieben. Sondern faszinierend finde ich seine Alternative: anstatt mit Argumenten („logischen Hilfsoperationen“) zu überzeugen, müsse die Abschaffung des Unterschieds von These und Argument angestrebt werden; solle das Argument die Drastik der These gewinnen.
    Ich kann mir nach wie vor nicht so richtig vorstellen, wie sich Adorno das gedacht hat. Allerdings sehe ich hier ein Phänomen im Hintergrund, auf das Adorno implizit eingeht: Argumente eigenen sich ganz offenbar gut dazu, die eigene Position zu verteidigen und zu stützen. Aber sie eignen sich sonderbarerweise nicht genauso gut dazu, andere von meiner Überzeugung ebenfalls zu überzeugen. Viel schneller führen gute Argumente auf der einen Seite nur zu ähnlich guten Argumenten auf der anderen.
    Was bleibt ist das von dir bereits angesprochene Schärfen der eigenen Argumentation und Position, aber ein wirklicher Erkenntnisgewinn lässt sich nur schwer verzeichnen. Solche Wirkungslosigkeit von Argumenten haben die meisten schon erlebt. Und so müsste der von Adorno vorgeschlagene Ausweg ja eigentlich allen herzlich willkommen sein. Aber ich kann mir, wie gesagt, nichts konkretes darunter vorstellen.

    Es würde mich wirklich sehr interessieren, wenn du zu einer Lösung gefunden hast, sprich wenn du weißt, wie du in Zukunft mit diesem Gesprächspartner reden sollst, dass du das dann im Podlog nochmal ansprichst.




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