Podlog #037 2017-02-06

6. Februar 2017, die 37. Folge. Reflexionen aus der beschädigten Sprache. Ich denke heute über die Kommentare von Günter und dem Sonntagssoziologen nach und mir fallen eine Reihe von Texten dazu ein, und Fragen, und Probleme, die ich mit diesen Kritiken habe. Das macht es sich zu einfach. Und das vor allem: weil die Frage, wie die Schrift im Sprechen aufgehoben werden kann, so schwer wiegt, und mir so schwer fällt…

2 thoughts on “Podlog #037 2017-02-06”

  1. Einerseits bin ich dir Dankbar für den Hinweis der akademischen Sprache als Abgrenzung zur Alltagssprache des Dritten Reichs. Diese historische Perspektive hatte ich bisher noch nicht eingenommen und kann dem etwas abgewinnen. Danke dafür!

    Andererseits sehe ich die Gefahr, dass auf akademische Sprache basierende gegenwärtige Unterdrückungen aus dem Blickfeld gerät. An Hochschulen werden bestimmte Herkunftssprachen systematisch entwertet, um es mit Bourdieu zu formulieren. Die Betroffenen müssen nicht nur die Wissenschaft erlernen, sondern auch die bildungsbürgerlichen Sprachcodes. Dieser Mehraufwand bringt sie gegenüber Studierenden mit passenderem Hintergrund ins Hintertreffen, die Ungleichheit reproduziert sich. Als Begründung für diese Ungleichbehandlung wird die Unzulänglichkeit der Unterschichtssprache argumentiert und eben diese Argumentation scheint nicht belastbar. Wenn bildungsbürgerliche Sprache so häufig mit analytisch-abstraktem Denken korreliert, dann nicht, weil die Sprache dazu prädestiniert wäre, sondern weil höhere Schichten über Gymnasien und akademische Berufe diese Denkformen eher einüben. Die Unterschichtssprache hat überhaupt keine Chance, sich analytisch im Diskurs zu bewähren. Sie wird sofort als unakademisch aussortiert. Das hat nichts mit eienr Romantisierung der Arbeitersprache zu tun. Die Utnerschichtssprache ist nicht mehr wert, aber auch nicht weniger.

    Bei der Argumentation bezüglich der deutschen Historie frage ich mich nach den praktischen Konsequenzen. Man unterwanderte im Dritten Reich die Alltagssprache ja nicht, weil sie inhärent dazu geeignet gewesen wäre, sondern weil sie die Sprache der Massen war. Hätten alle wie Adorno gesprochen, hätte man diese Sprache unterwandert. Adornos Sprache war nicht aus sich selbst heraus frei von Rassismen, sondern weil Adorno frei davon war. Heidegger bediente sich schließlich auch einer akademischen Sprache, daran ändert Adornos Heideggerkritik auch nichts. Rassismen kann man akademisch verpacken. Wie mal jemand sagte, die Elite rümpft über Trump nicht die Nase, weil dieser ein rassist sei, sondern weil er das in die Sprachcodes des Pöbels kleidet. So scheinen auch die Gründerväter der AfD nicht geflüchtet, weil die Partei einen andere Ausrichtung bekam, sondern weil sie ihre Sprachcodes von “gehoben” auf “Unterschichtsniveau” verschob. Auch der ganze Sozialdarwinismus war letztlich ein akademischer Diskurs in akademischer Sprache.




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  2. 06.02.017

    Lieber Moritz!

    Es geht mir weder ums Rechthaben noch darum deutlich zu machen, was ich nicht alles weiß und schon gar nicht will ich Dich in deinen Überlegungen behindern, erschränken oder besser wissend korrigieren.

    Wenn, geht es mir darum etwas beizufügen, Überlegungen die vielleicht einen ganz anderen Horizont mit einbringen, anfügen, mehr nicht!

    Die Art, wie Du Texte sprechend bearbeitest gefällt mir sehr (auch wenn ich mich oft völlig falsch verstanden erlebe – Klemperer) gerade wenn Du, wie zu dem Aphorismus „Kohldampf“ alle Ebenen der Reflexion durchgehst und auch wie gestern Abend Du deine eigene sprachliche Sozialisation in Franken mit einbeziehst.

    So haben meine Einwände dann auch einen Platz in der Argumentation wie Du sie vorgibst.

    Die Frage der Alltags- Umgangssprache, der Dialekte ist so allgemein gehalten, dass Aussagen darüber nur missverstanden werden können.

    Aus dem Grunde führe ich ganz konkrete Beispiele wie H.C. Artmann an, der Dir h.w. nicht geläufig ist, oder eben Chuck Berry, Frank Zappa, Allan Ginsberg, Ed Sanders.

    Ich bin denen begegnet als ich um die 20 Jahre alt war und mich hat deren sprachliche Klarheit ( Adorno) und der performative Akt des Sprechens ( so hätte ich das damals nie formulieren können) umgeworfen und ich habe im weiteren, deren Wirkung bis zu seiner Umkehrung – als Bob Dylan den Nobelpreis bekam – verfolgt.

    In der ungeheueren Wirkung ( Beatles, Rolling Stones, Elvis) dieses wilden Chack Berry, mit Beinen wie aus Gummi und einem Selbstbewusstsein, das aus dem einfachen Satz der Mutter, „Jonny Be good!“ erwuchs, der eine sozial-emotionale Ausstrahlung entfaltete, die Generationen wieder auf die Beine stellte, bzw. ihnen einen emotionalen Hintergrund bot um sich gegen die Lügen ihrer Mütter und Väter zu behaupten …………………. das faszinierte und fasziniert mich immer noch.

    In dem „Nothing“ der Fags, ein Song der als „Die Hymne“ von Generationen angesehen werden kann, die sich bis heute im Dagegen behaupten müssen klingt für mich auch jener Anarchismus an, der auf eine, wie immer schweinische Art sich im Dialekten der Obrigkeit widersetzt. Ein Dialekt, der in all seine Sexismen, Rassismen nicht nur wörtlich zu nehmen ist, sondern in dem das Gleiten der Sprachbedeutungen (die Metonyme) permanent eingeübt wird.

    Aus diesem Grund trifft ja die moralische Verurteilung vieler umgangssprachlicher Sexismen usw. – die in vielen Fällen berechtigt ist – nichts, da nominal genommen der Dialekt sich nicht verstanden fühlen möchte.

    Wiederholen möchte ich, diesen Sprachen kann das Potential der Freiheit nicht abgesprochen werden, was aber Adorno getan hat – oder hab ich da etwas nicht verstanden?

    Was wiederum nicht heißt, dass damit alle seine Überlegungen in dem Aphorismus und Überhaupt unbrauchbar sind……………..?

    Aber wenn es heißt mag, die Widersprüche legen sich aus der Sache selbst frei, dann lass uns doch einiges dazu auch anschauen und nennen.

    Rock, ist wie die Nähmaschine, oder der Computer keine Geschmacksfrage, sonder er stellt eine geschichtliche Wirkkraft dar, die ihre Wirkung entfaltet hat und vielleicht mehr wie der Jazz, der inzwischen akademisch erlernt wird seine Kraft, wie im Rapp immer noch entfalten kann.

    Die Frage nach der gesprochenen Sprache ist immer auch die Frage nach Musik und Dichtung. In ihrem Ursprung ist Sprache immer Hymne, wie uns die gr. Tragödie lehrt. Alles was sie performativ ist, leitet sich daraus ab – vermute ich !?

    Grüße aus

    den sonnigen Bergen

    Günter




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