Podlog #036 2017-02-05

5. Februar 2017, die 36. Folge. Heute geht es über den Aphorismus Nr. 65 “Kohldampf” aus Minima Moralia, genauer um die Frage nach Sprache und Dialekt, Herrschaft und FreiheitRede und Schrift, und der Aufhebung der Schrift, “der Konsequenz der strengsten sprachlichen Objektivität” im Sprechen, um so und nur so die menschliche Sprache von der Lüge zu befreien, schon menschlich zu sein…

2 thoughts on “Podlog #036 2017-02-05”

  1. Ich glaube, bei diesem Thema kommst du um “The Study of Nonstandard English” von Wiliam Labov nicht drum herum. Jedenfalls wäre es fahrlässig, vor dieser Lektüre irgend einen weiteren Gedanken zur Unterschichtssprache zu denken.

    Die Frage, ob es der Sprache der Oberschicht bedarf, wird in der Soziolinguistik zwischen der Bernstein-Hypothese und der These William Labovs diskutiert. Nach ersterer ist die Unterschichtssprache defizitär. Häufig stützen sich Linke darauf, wenn sie mehr Bildung in die Unterschichten tragen wollen, die Unterschichtsdefizite beseitigen wollen.

    Nach Labov sind Ober- und Unterschichtssprache hingegen gleichwertig. Mit beiden lässt sich alles gleichgut sagen, erkennen, analysieren. Die Studien von Labov weisen Bernstein methodische Mängel nach – wichtiger jedoch – zeigen sie, wie selbst Wohlwollen gegenüber den gesellschaftlichen Verlierern diese noch weiter diskriminieren kann. Die Unterschichtssprache erweist sich in der Studie mitnichten als einfach, sondern als facettenreich, funktional und der Oberschichtssprache ebenbürtig. Da Bildungsbürger diese Sprache aber nicht gelernt haben, verstehen sie vieles nicht und folgern daraus einen Mangel. Tatsächlich handelt es sich bei den Defiziten um reine Zuschreibungen, um Wunschdenken und Anmaßung.

    Diese Anmaßung wird sich so schnell auch nicht beseitigen lassen, da für viele Bildungsbürger die sprache das Hauptkulturkapital darstellt, dessen Wert verfiele, würde man jene Sprache gleichwertig danebenstellen, von der sich die Bildungssprache distinguieren möchte.




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  2. Lieber Moritz!

    Vielleicht hast Du mir mit dem Aphorismus Nr. 65 “Kohldampf” aus Minima Moralia von Adorno ein gutes Beispiel geliefert, an dem ich meine Vorbehalte gegen die Methode der Dialektik, insbesondere der Frankfurter Prägung, klarer formulieren kann.

    Denn gerade hier wird deutlich wie Momente der Negation, in der fortschreitenden Bewegung des Geistes von Adorno übersprungen werden.

    Er sagt, die Sprache der Arbeiter – und ich erweitere dies auf alle Dialekten die heute zu finden sind ( der Schweizer Dialekt, der Zillertaler Dialekt, der Wiener Dialekt, die Hamburger Sprache des Hafens und sogar der Graubündner Dialekt…), denn auch diese sind allesamt proletarisiert – beißt an den Worten, wie an einem Brot, das sie nicht bekommen.

    Adorno spricht der Sprache der Armen und Unterdrückten kein Selbstbewusstsein zu, sondern aus deren Sprache spricht nur ihr unterdrückt sein, aber keine Freiheit.

    Das scheint mir eine jener Verkürzungen zu sein die gebraucht wird um Dialektik aufrecht zu erhalten. Oder anders, in der Dialektik gebraucht wird um das Telos zu verdecken.

    Wo bleibt da die zweite Negation, durch die ein Etwas nur zum Etwas werden kann ?

    Nimmt man diesen Satz Hegels ernst, muss auch in dem Dialekt der Proletarier die ausgeschlossene Freiheit eingeschlossen sein!

    Und, das ist auch der Fall, denn so viel Trotz und Eigensinn, so viel kräftige Abwehr gegen die Obrigkeit, so viel aufgehobene Anarchie wie Dialekte beheimaten, ob aus Industriegebieten oder aus bäuerlichen Gesellschaften, bietet keine Hochsprache. Diese Dialekte bieten immer wieder eine Art Agregat für gesellschaftliche Veränderungen!

    Genau das, was Adorno dem Proletarier abgesprochen hat versucht er über die Verschriftlichung der Hochsprache hereinzubekommen, deren Strenge in die gesprochene Sprache überführt werden sollte.

    So ein Blödsinn!

    Scheinbar ahnt Adorno den nächsten Schritt: Die offen gesprochene freie Sprache. Er kann sich aber keine andere, als eine am Akademischen sich messende vorstellen (Vielleicht hat er gerade deshalb mit Heidegger seine Probleme, denn der hatte den Mut, eine aus der Alltagssprache generierte philosophische Sprache zu entwickeln).

    Es gibt ja Dichter denen dieser Spagat gelungen ist: Heinrich Heine und Bertolt Brecht werden hier immer wieder genannt, wunderbar ist das James Joyce gelungen und H.C. Artmann hat in dem Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ die Fähigkeit von Dialekten Pardoxien zu erschaffen (auch eine Form des Selbstbewusstseins) aufgezeigt!

    Vielleicht gehört hierher auch die völlige Unfähigkeit Adornos dem Blues, der Rockmusik und ihrer Wurzeln aus dem Proletariat etwas abgewinnen zu können.
    Er hatte deren Freiheitspotential völlig falsch eingeschätzt!

    Gerade hier wird Adornos Akademismus aufgedeckt, dessen Maßstab Schönberg und Anton Webern waren. Adorno lehnte Jazz und Rockmusik, ähnlich arrogant und überheblich, wie die Sprache der Proletarier einfach als Lärm ab, denn ihnen fehlt jede Freiheit.

    Auch Adorno hatte eine Vorstellung von Freiheit (hatte ein Telos) auf die Dialektik hinauslaufen soll.

    Meine Vorstellung von Freiheit ist eine andere!

    Grias Di und tua Di pfiatn

    Günter




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