Podlog #149 2017-05-29

29. Mai 2017, die 149. Folge. Heute ein paar allgemeinere Überlegungen zur Dialektik und warum ihr heute so viel Verachtung entgegengebracht wird, zumindest und vor allem in der Soziologie. Über Dialektik und Wissenschaftsverständnisse, über Trump und Adorno, über extreme Pole und zynisches Mitläufertum, darüber, warum die Kritik an Dialektik ein gutes Zeichen für ihre Bedeutung ist…

8 thoughts on “Podlog #149 2017-05-29”

  1. Lieber Moritz !

    Ein bisschen was von Gejammer hat es schon an sich, wie du dein Studium von Adorno hier begründen musst.

    Wir finden schon bewundernswert, wie Du dich dem Zeitgeist entgegen stellst und die dialektische Methode, gegen alle Strömungen der Gegenwart heldenhaft verteidigst.

    Aber was soll es bringen? Soll Adorno wieder zu einer Autorität werden, an der wir uns orientieren? Geht das heute überhaupt?

    Müsstest Du, um Adornos Gedankenimpulsen zu entsprechen heute nicht anders vorgehen, als er es damals tat?

    Was damals positivistische Wissenschaft genannt wurde was ist das heute? Es ist die Systemtheorie in all ihren Ausformungen und sakrosankten Begrifflichkeiten!

    Daran ist nicht rum-zu-deuteln!
    Adorno würde sich heute kritisch der Systemtheorie zuwenden und alle ihre Begriffe, angefangen mit der funktionalen Differenz, der Beobachtung zweiter Ordnung, dem Systembegriffes selbst, der Komplexität und Reduktion von Komplexität und so weiter zuwenden, und diese kritisch betrachten.

    Die heute, zumindest in Deutschland beherrschende soziologische Wissenschaftstheorie ist nach meiner Sicht die Systemtheorie. Wer heute kritische Theorie betreiben will, muss sich der Systemtheorie zuwenden!

    Nach dem Habermas-Luhmann-Streit habe ich die kritische Diskussion zur Systemtheorie nicht mehr verfolgt. Es wird, so hoffe ich wohl, kritische Stimmen geben, nur in der Öffentlichkeit tritt die Systemtheorie unhinterfragt auf und gilt, so erlebe ich es zumindest, als die sozialwissenschaftliche Autoritäten im deutschsprachigen Raum.

    Da Niklas Luhmann die “schwarzen Hefte” nicht selbst geschrieben hat, muss es ein anderer für ihn tun.

    Nur wenn man ihm den Gefallen tut, ihm seine “schwarzen Hefte” nachzureichen, kann dieser Zauberwuzi endlich entmystifiziert werden.

    Habe dazu bescheidene Beiträge über “Beobachtung” und “Unterscheidung” auf – WP draw a line – eingebracht……..

    So unkritisch wie Luhmann gegenüber, ist man zuletzt der kritischen Theorie gegenüber gestanden.

    Vielleicht sollte ja ein Ausgleich, zwischen damals zuviel und heute zuwenig gefunden werden?

    Auch in den Bergen ist der Sommer und die Sommerfrische eingekehrt!

    Günter




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    1. Lieber Günter,

      ich stimme dir tendenziell in allem zu – nur nicht in der Art des Arguments.
      Ja, Adorno würde heute Systemtheorien aller Fasson kritisieren, wie er es schon zu seinen Lebzeiten tat. Und ja, da würde auch Systemtheorie nach Luhmann drunter fallen.
      Aber erstens ist damit die positivistische Einzelwissenschaftlichkeit von heute noch nicht aus dem Schneider, und zweitens ist deine Form der Ideologiekritik hier m.E. nicht scharf und stark genug. Es scheint mir fast, als würde es genügen, aufzuzeigen, dass es hier ideologische blinde Flecken gibt (bei Luhmann, bei Adorno, bei ihren Adepten, wo immer…) und man könnte sich, sodann nach dieser Anstrengung, entspannt zurücklehnen. Da würde man sich gründlich irren. Es geht hier meines Erachtens um harte, erkenntnistheoretisch-kritische Theoriearbeit, also um die Frage: “wie weiter, wenn nicht so?”. Da fängt das Problem erst an. Luhmann selbst hätte hier wohl wenig Einwände gehabt – in Gegenteil! Er wünschte sich Leser*innen, die genau das mit seiner Theorie anstellen und nannte es “Umschreibeversuche” (Siehe Vorwort in “Soziale Systeme”).

      Meine eigene Arbeit, die sich mittlerweile recht zentral genau diese(n) Fragen stellt, ist mein Dissertationsprojekt. Aber unterwegs habe ich mich unter anderem in zwei Aufsätzen schon mit einzelnen Problemen hierzu beschäftigt: zuletzt mit dem Problem des Anfangs der Systemtheorie als System/Umwelt Unterscheidung (2016 “Der Anfang vom Ende. Zum kritischen Potenzial soziologischer Systemtheorie.”), davor – expliziter ideologiekritisch (2015 “Theorie(-) und Ideologiekritik. Der Blick hinunter zum Fuße des Leuchtturms.”).

      Schliesslich teile ich Deine Einschätzung ganz und gar nicht, dass man der Systemtheorie unkritisch gegenübersteht, wie zuletzt der Frankfurter Schule. Im Gegenteil! Ausserhalb Deutschlands hat die Systemtheorie Luhmanns kaum Bedeutung, umso weniger in der Soziologie. Und auch innerhalb des deutschsprachigen soziologischen Diskurses wird sie meiner Einschätzung nach eher in der üblichen: “ich nehm ein bisschen was von hier, ein bisschen was von dort” Manier höchstens versatzstückhaft verwendet (den aussersoziologischen Diskurs, z.B. in der systemischen Beratung und so fort, lass ich hier undiskutiert; das sind oft Beschäftigungen, die auf weit mehr Ebenen als nur der Ebene der Quellen ihrer Theorie fragwürdig sind…). Dass genau das ein Problem, und umso mehr eines für Systemtheorie ist, sehe ich zwar auch, es ist aber eben etwas anderes, als einer Theorie mit diesem Anspruch, unkritisch gegenüberzustehen. Meines Erachtens sieht man auch recht wenig, wenn man nur auf die Kritik an der Systemtheorie oder ihre Apologien schaut; es sagt bisweilen gar nichts. Viel interessanter ist die Art und Weise wie etwas mehr oder weniger unauffällig funktioniert. Und hierin drückt sich ein Wissenschaftsverständnis aus, das unter anderem dazu führt, dass Adorno altmodisch, Systemtheorie solide und in Stücken zu gebrauchen, Derrida und Co. angesagt und hip, Žižek und Co. populär aber nicht ernstzunehmend, usw. wirken — und darüber hinaus der Gros der Wissenschaft einfach so weiter vor sich hin wurschtelt, ohne Kritik und vorgeblich und scheinbar nur abgesichert in einem Pseudoverteidigungskampf gegen Pappkameraden wie Trump, etc.

      Noch mal zurück zu meinem Kritikpunkt an Deinem Argument: inhaltlich bin ich dabei – deshalb ist Systemtheorie eben präzise mein Gegenstand und Problembezug. Aber so, wie es mir selbstverständlich nicht um Adorno als Klassiker und die Restauration der Ehrfurcht vor ihm geht, so wenig kann es um die Diskreditierung von Luhmann gehen. “Schwarze Hefte” trifft es daher gar nicht: Heideggers Schwarze Hefte sind Zeugnisse grober Verfehlungen gegen die Menschlichkeit, gegen jeden intellektuellen Anspruch, gegen sein Fach, usw. Auf diese Weise kommt man Luhmann nicht bei und ich sehe auch keinen Punkt darin. Es geht um Theoriearbeit. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

      Herzliche Grüsse aus dem Köln stehender Hitze in die sommerfrischen Berge!

      Quelle:
      Klenk, Moritz. “Theorie(-) und Ideologiekritik. Der Blick hinunter zum Fuße des Leuchtturms.” In Umschrift. Grenzgänge der Systemtheorie, edited by Maren Lehmann, Markus Heidingsfelder, and Olaf Maaß, 73–90. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft, 2015.

      Klenk, Moritz. “Der Anfang vom Ende. Zum kritischen Potenzial soziologischer Systemtheorie.” In Systemtheorie und Gesellschaftskritik: Perspektiven der Kritischen Systemtheorie, edited by Kolja Möller and Jasmin Siri, 1. Aufl., 19–37. Sozialtheorie. Bielefeld: transcript, 2016.




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  2. Lieber Moritz !

    Zu meinem Satz:

    – Da Niklas Luhmann die “schwarzen Hefte” nicht selbst geschrieben hat, muss es ein anderer für ihn tun.-

    Wieso bist Du da so humorlos? Bei wirklich moralischen Fragen ist wohl nicht zu spaßen?

    Dann horch Luhmann selbst an, wie er auf die Frage eines kritischen Journalisten antwortet, der ihm sagt, es gäbe keine höheren Moralischen Werte in seiner Systemtheorie an denen sich der Einzelne ausrichten könnte. Luhmann stimmt dem zu und fügt hinzu, Theorien könnten immer missbraucht werden. Was ein Wertfreiheit von Theorien mit einschließt.

    Was ich mit den “Schwarzen Heften” sagen will: Luhmann kann von Glück sprechen nicht vor dem 2 Weltkrieg gewirkt zu haben, sonst hätte Hanna Arendt ihn mit dem Verdikt des “Banalen Bösen” belegen müssen.

    Denn Denken im Sinne vom Arendt tut Luhmann nicht – Denken ist für H. A. immer auch von moralischer Intuition geleitet – Luhmann schließt moralische Intuition aus, moderne Gesellschaften werden von funktionalen Differenzen geleitet. Eine die, wenn auch brauchbar, nie und nimmer belegt werden kann.

    Die Wirklichkeit kann nach dem Schema, mit der Maske beobachtet werden, aber ob sie so ist bleibt dahingestellt.

    Die These ist brauchbar aber mehr nicht!

    Umschreiben ist bei Luhmann viel zu nieder angesetzt, hierzu gehört schon viel mehr.

    Die Schwarzen Hefte stehen nicht nur für den unmoralische Heidegger, sondern gerade dafür, dass sich heute keiner mehr Heidegger Wortgläubig nähern kann. Mit dem Faschismusvorwurf wurde er entmystifiziert – Beispiel Sein&Zeit Podcast.

    So ein Entweihung würde Luhmann auch gut tun, wollte ich sagen.

    Deshalb nochmal: Hanna Arendt hätte Luhmann mit dem Verdikt des ” Banalen Bösen” belegt und nach ihrer Definition von Denken hat sie recht!

    Ab und zu ist es nötig, in dem akademisch bürgerlichen Sumpf respektlos zu sein!

    Grüße aus den blauen Bergen

    Günter

    Interview mit Luhmann:
    https://youtu.be/sGja57KsdY0




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    1. Lieber Günter,

      auch hier stimme ich Dir wieder zu – vor allem zum Gebot der Respektlosigkeit, ist diese doch fast immer nur eine wirklich zweifelhafte Form von Unsachlichkeit.
      Und auch kann man Luhmann gut für seinen Moralbegriff kritisieren, der etwas dünn daher kommt. Du machst es Dir aber zu einfach, wenn Du Luhmanns Ethik auf “funktionale Differenzierung” als mit anderen expliziten normativen Behauptungen vergleichbar reduzierst. Das Argument kann man machen, aber nicht abkürzen! Das hat auch nicht etwas mit Respekt respektive Respektlosigkeit zu tun, sondern, wie das Argument entfaltet werden kann und muss. Aber ich unterstelle Dir sowieso, dass Du da möglicherweise mitgehst.

      Aber auch in seinen expliziten Texten zu Ethik und Moral ist es sich mit Luhmann nicht so einfach zu machen, denke ich. Seine Kritik an der Vernunft kommt nicht aus dem Nichts (siehe: “Europäische Rationalität”), sein Moralbegriff ist zwar soziologisch, aber nicht unbrauchbar oder “nur” systemlogisch zu begreifen (vgl. “Moral” (2008) “Normen” (2008)); und schliesslich der Versuch, Ethik als Reflexionstheorie von Moral zu verstehen und ihr die Verantwortung zuzurechnen, aus guten Gründen vor Moral zu warnen, ist kein ethikvergessener, kein banal-böser oder anders wie unterkomplexer Ansatz.

      Das heisst natürlich nicht, dass man ihn nicht nicht kritisieren kann und muss, aber eben: ich denke, Du machst es Dir hier zu einfach.

      Ah und noch eins: und ob ich Humor hab. Nur wenn man mir Humorlosigkeit unterstellt, da verstehe ich keinen Spass ;)

      Herzliche, respektvoll-respektlose Grüsse aus dem humorlos-albernen Köln (diese lokale Form von “Humor” ist übrigens das einzig mir vertraute Beispiel von spassiger Humorlosigkeit! Aber vielleicht geht mir das auch nur als in Süddeutschland aufgewachsen so…)
      Moritz

      Quellen:
      Luhmann, Niklas. “Europäische Rationalität.” In Beobachtungen der Moderne, 51–91. Wiesbaden: VS Verl. für Sozialwissenschaften, 2006.
      Luhmann, Niklas. “Ethik als Reflexionstheorie der Moral.” In Die Moral der Gesellschaft, edited by Detlef Horster, 1871:270–347. suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008.
      Luhmann, Niklas. “Normen in soziologischer Perspektive.” In Die Moral der Gesellschaft, edited by Detlef Horster, 1871:25–55. suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008.
      Luhmann, Niklas. “Soziologie der Moral.” In Die Moral der Gesellschaft, edited by Detlef Horster, 1871:56–162. suhrkamp taschenbuch wissenschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2008.




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  3. Zu :

    “Der Anfang vom Ende”

    Ein Text, der sich selbst in den Schwanz beißt!

    Letztlich sagt er nicht viel aus über Kritik. Es klingt wie ein Anfang und ein Ende das kritisiert werden kann. Das ist die formale Seite der Kritik, sofern ist auch Systemtheorie kritisch…….?

    Aber bitte!

    Und nu …….ja hallo!……. haben wir die Systemtheorie als Kritische Theorie………?

    Kritisch würde sie erst, wenn der Begriffsapparat selbst hinterfragt wird.

    In der Beobachtung der Beobachtung ist immer noch der zentrale Begriff Beobachtung wesentlich, welche hinterfragt werden muss. Beobachten ist eine sehr einseitige Zugangsweise zur Welt. “siehe Beobachten- verachten WP draw a line”

    Wir können uns ganz anders der Welt gegenüber öffnen als nur durch Beobachtung…. ………

    Beobachtung hat etwas sehr aggressives, das auch in der Beobachtung der Beobachtung nicht abgelegt wird, sondern nur noch gesteigert wird.

    Ebenso der Begriff der Kommunikation. Mit ihm ist schon eine spezielle Art der Verständigungsart unter Menschen eingeführt, die dann natürlich nicht funktionieren kann!

    Sinn als System, ja gut, wem ist so eine hohe Abstraktion nicht schon eingefallen um einen großen Kübel zu haben in den alles reinpasst?

    Ebenso die Begriffe Komplexität und Reduktion von Komplexität. Sie schließen eine ganz bestimmte Weltsicht voraus, die für sich selbst einerseits umfassend andererseits gar nichts fasst………?

    Alles was Religionen einst versuchten zu fassen wird in diesen Kübel geschüttet……..?

    Auch den Begriff der Unterscheidung an den Anfang zu setzen, ist so, wie wenn man mit dem Messer beginnt……………..da kann doch am Ende nur Zuschnitt rauskommen.

    Die Begriffe der Systemtheorie sind so elastisch gehalten, dass sie sich jeder Situation anpassen, aber sie bergen und verdecken extrem starke Bestimmungen!

    Wolfgang Essbach hat Dirk Baecker auf den “Völkischen Beobachter” hingewiesen, was diesen veranlasste auf den Schweizer Beobachter, oder so ähnlich hinzuweisen……..beides peinlich, aber auch peinlich an Wahrheiten rührend!

    Grüße – hier stürmt und wettert es!

    Günter




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  4. zu:

    Niklas Luhmann
    Beobachtungen der Moderne Teil 1

    “Das Moderne der modernen Gesellschaft
    Europäische Rationalität”

    Beginnt ein Denken über das Phänomen des Sozialen mit der Unterscheidung, ist es immer schon zu spät.

    In der Skala dessen, wie wir im Sozialen stehen, ist Unterscheiden ein Sonderfall. Und ob, wenn der Sonderfall eintritt, er ein rationaler ist, bleibt immer noch die Frage

    Aus dem Grunde ist es ganz verkehrt, mit der Unterscheidung und den sich daraus ableitenden höheren Ebenen zu beginnen.

    Wenn Luhmann dann in letzter Konsequenz auf die transzendente Erkenntnis des Zen Buddhismus kommt, in dem alle Dinge SIND wie sie sind und sich nicht voneinander unterscheiden, ist er nicht am Ende sondern am Anfang des Denken, dort wo Edmund Husserl der Beginn alles Denkens ortet, in der Lebenswelt.

    Das was der Zen-Budhist in jahrelangen Meditationen erreicht, ist der Ausgangspunkt jedes Menschen, in jeder Situation der Gegenwart. Er geht von dem aus was da IST und nicht von dem, was er unterscheiden kann, muss, soll!

    Unterscheidung setzt erst dann ein, wenn ich darüber nachdenke, wenn ich auf etwas schaue, dann muss ich erst Zeichen und Bezeichnetes unterscheiden”……

    Im sozialen Leben, im Wahrnehmen bin ich ganz naiv, ich nehme an, dass das Zeichen des Bezeichnete bezeichnet.

    Dieser Zustand, des im Sozialen sein, des in der Welt-Stehens muss der Ausgangspunkt aller Überlegungen sein, will man das Phänomen des Sozialen bedenken.
    Nicht die Unterscheidung kann der Ausgangspunkt sein!

    Unterscheiden ist eine intellektuelle Kategorie, die im Sozialen, wie gesagt, ein Sonderfall ist und bleibt!

    Unterschieden wird im Sozialen erst, wenn dieses in der Welt sein nicht funktioniert, dann beginnt man zu unterscheiden, den anderen als anderen zu sehen, als Fremden als einen niederen oder höherer Klasse usw.

    Auch wenn diese Ausnahme der Regelfall des Sozialen ist, berechtigt das doch nicht, eine Denken über das Soziale mit Unterscheidung zu beginnen.

    Überhaupt ist der interessante Aspekt, dass ontologische Erkenntnisse Ergebnis sozialgeschichtliche Umbrüche seien, nicht dienlich, wird diese These absolut gesetzt.

    Auch wenn Kunst und Philosophie das Kind der jeweiligen Zeit ist, so ist deren Eigenschaft geradezu über diese Zeit hinaus wirksam zu sein und darüber hinaus angewandt werden zu können

    Ich habe bemerkt, dass Niklas Luhmann gerade in der Frage der Ontologie im 20. Jahrhundert von Erkenntnissen ausgeht die nicht dem Stand der Philosophie entsprechen, sondern die ausgesucht sind um seine These der modernen Welt zu rechtfertigen. ( Die Gesellschaft der Gesellschaft / Kapitel 5: Selbstbeschreibung IX. Die Reflexion der Funktionssysteme)

    Was Luhmann in “Das Moderne” sehr formalistisch als Unterscheidung, die in Unterscheidung eingeht charakterisiert, was zur Frage der Form führt, ist innerhalb der Kunst, zumindest seit der Renaissance, die Frage, die den Maler und Bildhauer täglich bewegen.

    In der Sprache der Kunsttheorie wird hier nach der Realität des Bildes gefragt. Nicht mehr Bild oder Abbild ist hier die Frage, sondern die formalen Kriterien der Darstellung bestimmen nicht nur das Bild sondern auch das Abgebildete. Die Form der Darstellungsweise bestimmt den Inhalt, nicht nur des Bildes, sondern auch dessen was wir dann Natur nennen.

    Hegel hat dieses Phänomen, mit dem Begriff der Kunstreligion umfasst.

    Da scheinbar Luhmann nur die logische Form des Phänomens erkennt, nennt er dies Paradoxie, wir nennen es Kunst!

    In der, Paradoxie wiederum nur ein Darstellungselement unter vielen ist.

    ( ich kenn nicht das Gesamtwerk von Luhmann, so kann es leicht sein, dass er diese Querverbindung selbst auch erkannt hat?)

    Noch kurz zur Beobachtung:

    Für Beobachtung gilt das selbe wie für die Unterscheidung. Mit ihr kann im Denken über das Soziale nicht begonnen werden, da Beobachten im Sozialen eine Sonderform ist.

    Eine Sonderform, der unter gewissen Umständen sogar zum abseitigen neigt. ……….

    Ich verstehe auch nicht, wieso die Erfahrungen der Ethnologie hier nicht eingebracht wurden, die ihren kolonialistischen Beobachter-Blick selbst erkannte und sahen, wie ihre Beobachtung ihre Ergebnisse beeinflussten.

    Natürlich ist dies in Beobachtung der Beobachtung, auf einer zweiten Ebene geschehen und erforderte wieder eine formale Unterscheidungen, die aber ein Gemenge von nicht nicht Erkennen und dem Erkennen des eigenen problematischen ethischen Standpunktes darstellt.

    Einfacher gesagt, ein Ethnologe der seiner eigenen Kultur nicht kritisch gegenübersteht, wird auch nicht erkennen, dass er die andere Kultur mit den Augen seiner Kultur erkennt.

    D.h. Es gibt Voraussetzungen die Unterscheidungen möglich machen. Unterscheiden geschieht nicht an sich!

    In der sozialtheoretischen Konstruktion, die mit Beobachtung beginnt, muss auf der zweiten Ebene, in der Beobachtung der Beobachtung deren Beeinflussung mit eingebaut werden beziehungsweise kann erst dort erkannt werden.

    Nur ist es hier genauso wie in ethnologischen Beobachtungen, der Anteil der Beobachtung kann nicht einfach abgezogen werden und der Rest ist dann die andere Kultur. Die Beobachtung hat die Kultur so beeinflusst, dass sie immer nur die Sichtweise dessen, der dort eingedrungen ist wiedergibt und das geringste von dem enthält, was außerhalb der Beobachtung IST, war.

    Zusammenfassend:
    Die “Rejektion des Unterscheidens” (N.L.) muss gar nicht zurückerobert werden: Wir gehen nicht als Soziologen durchs Leben, wir gehen ganz unentschieden durchs Leben, wir orientieren uns auch gar nicht durch bewußte Unter- und Entscheidungen. Diese sind der absolute Ausnahmefall.

    Unterscheidung als Ausgangspunkt braucht nur der, der Systeme in der Gesellschaft annimmt, wir, die in diesen Leben – es ist natürlich die Frage der Fragen, ob wir in Systemen leben – unterscheiden, entscheiden selten!

    Das dafür Luhmann die psychischen Systeme eingeführt hat will ich hier jetzt nicht hören!

    GL.




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  5. Beobachtungen der Moderne
    Teil 2

    Es könnte hier eingewandt werden, ich verwechseln hier die soziale Wirklichkeit mit einer sozialen Theorie.

    Du zitierst in deinem Aufsatz, “Der Anfang vom Ende”, N. Luhmann der sagt, es käme primär auf die soziale Wirklichkeit an, die Begriffe der Theorie müssten nach ihr gebildet werden und ihr entsprechend immer wieder nachjustiert werden.

    Genau das versuche ich in der Kritik des Begriffes Unterscheidung, beziehungsweise der Beobachtung.

    Wie schon gesagt, Luhmann hat Begriffe gewählt, die sehr elastisch sind, anders gesagt, sie sind von hohe Abstraktion.

    Von daher sind diese Begriffe auch sehr verführerisch, denn es kann natürlich immer wieder argumentiert werden, es handelt sich ja um eine Unterscheidung, es handelt sich ja um eine Beobachtung.

    In dieser Behauptung ist aber das Zu-Stande-Kommen der Unterscheidung, ist das Zu-Stande-Kommen der Beobachtung unterschlagen, beziehungsweise vernachlässigt worden.

    Vergleichen wir den Begriff der Unterscheidung bei Luhmann mit den Begriff der Negation bei Hegel.

    In der Unterscheidung sind Zwei vorausgesetzt, wobei in der Unterscheidung das Eine gegenüber dem Anderen zurücktreten muss, beziehungsweise in der Unterscheidung, wird das Eine wie das Andere formalisiert.
    Hegel geht davon aus, dass jede Setzung Negation ist. Dass jede Setzung zustande kommt durch Negation und sie aus diesem Grunde auch Negation genannt werden muss. Das im Setzen negierte, kann nicht in seinem vollen Umfang gesehen werden. Erst in der Folge kann es in Erscheinung treten. Dieses in Erscheinung treten des negierten wird dann Dialektik genannt.

    Beide gehen von sehr abstrakter Begrifflichkeit aus. Luhmann merkt man aber einen gewissen naiven Realismus an. Er hat eben eine rationalistische Sicht, die von der Unterscheidung, Wirklichkeit – Begriff ausgeht. Während in Hegels Konstruktion, das Verhältnis Vermittlung – Wirklichkeit von Anbeginn an aufeinander bezogen ist.

    Durch Vermittlung wird die Wirklichkeit des negierten geschaffen. Die sich im weiteren Verlauf als Widerständigkeit der Wirklichkeit im Denken zu erkennen
    geben kann.

    Rationale, konstruktivistische Begriffe, wie Luhmann sie verwendet sind wohl sehr geeignet komplexe Zusammenhänge zu fassen, gleichzeitig sind das aber ihr handicapts. Sie verdecken das, was sie tun.

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    Noch etwas anderes: natürlich mache ich es mir einfach!
    Ich kann und muss in meinem Alter es mir einfach machen.

    Ich muss nicht mehr alle Werke eines Autors gelesen haben, kann aus einigen Eckpunkten das gesamte System vergegenwärtigen und dessen Schwachpunkte erkennen.
    Dass ich dabei natürlich auch daneben liegen kann und die Selbstreflexion des Autors nicht mit eingerechnet habe, ist möglich.

    Nur, es hat mir meine Erfahrung gezeigt, dass ich meist mit meinen Diagnosen nicht weit daneben liege!

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    Das im Unterscheiden negierte:

    Ist die Einheitlichkeit der Lebenswelt (Edmund Husserl),
    ist alles was das Leben rhythmisch macht,
    was es farbig macht und ihm die Melodie gibt,
    was die Dichter in Worten und
    Klängen anklingen lassen
    was wir mit den Begriff des Willens fassen

    und und und

    ICH bin die Fülle des Lebens…..

    Grüße von den Höhen und aus dem Tal!

    Günter




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