Podlog #109 2017-04-19

19. April 2017, die 109. Folge. Heute, auf der Fahrt von Nürnberg nach Köln, 5 Stunden Podcasts gehört und dazu einige Gedanken gemacht, von denen ich ein paar hier notiere. Zum einen eine winzige Notiz (eigentlich ein Ausblick auf eine “Sprachnachricht” an WDDD, konkret zur Folge zur Höflichkeit). Zum anderen und hauptsächlich aber eine Notiz zur Folge: “der rammdösige Asket” und zu einem – wie ich glaube – Versprecher, nämlich der Überlegung, Verzicht sei das Inbezugsetzen von “etwas, das da sein könnte” mit “etwas, das daran fehlt”. Das ist ja mal krass spannend. Oder auch nicht, und ich täusche mich einfach selbst darüber. Woher soll ich das wissen, bevor ich mich im Podlog dazu mit mir gesprochen habe?

One thought on “Podlog #109 2017-04-19”

  1. Kommentar zu Podlog# 108 2017-04-18

    Der Gedankenkomplex – es gäbe reale Utopien und die Diagnose, der Kapitalismus sei das beherrschende System, das Lücken, Risse aufweist, die gefüllt werden können oder in das Löcher gerissen werden sollen sowie die Kritik, Risse zu stopfen, Löcher zu reißen sei nur Teil des Systems – schleppt einen solchen Haufen von Gedankenmüll auf die Agora, dass mir ganz schwindelig wird und ich gar nicht weiß, welches Ende zu begreifen ist.

    Ich ziehe einfach irgendwo.

    Und ich behaupte: Die marxistische Analyse des Kapitalismus beschreibt und diagnostiziert unsere Welt ziemlich gut. Weiß man dadurch aber auch, was das kapitalistische System am Laufen hält? Einige Antworten und deren radikale Wirkung (u.a. Staatskapitalismus) wie die gemäßigten Wirkungen ( sozial-liberale Marktwirtschaft) kennen wir.

    Aber gäbe es nicht zumindest die Denkmöglichkeit, ein noch umfassenderes System zu ersinnen – hier nur hilfsweise als System bezeichnet –, aus dem der Kapitalismus sich nährt und ihm immer wieder ermöglicht, sich zu erneuern, sich anzupassen, ihn trotz sozialdemokratischer und liberaler Einhegung nur noch stärker werden zu lassen?

    Die Systemtheorie hat zumindest den formalen Versuch unternommen, ohne Nennung eines höheren Systems im Zusammenspiel vieler Systeme eine Lösung zu sehen.

    Max Webers Versuch, die moralisch-ethischen Fundamente des Kapitalismus zu fassen, ist ein inhaltlicher Versuch, sich der Frage zu nähern, was das größere „System“, nämlich die Ethik sein könnte, die den Kapitalismus füttert.

    Könnten wir ein „System“ denken, das gerade, weil es nicht da ist, aber einmal da war, den Kapitalismus füttert und wir diesen mit jenem nicht vorhandenen System verwechseln?

    Die Erscheinungen der Gegenwart mit ihren fundamentalistisch-religiösen Anschauungen schreien geradezu danach, dieses System, das als Fehlendes überall präsent ist, als eines anzusehen, das zumindest Elemente aus den Religionen an sich hat.

    Mehr kann ich Moment dazu nicht sagen ….

    Ich versuche aber den Haufen, der auf der Agora liegt, noch von einer ganz anderen Seite zu betrachten:

    Wie kommt jemand zu der überheblichen Auffassung, die Welt ist so, wie sie ist, falsch und er müsse nach der richtigen suchen oder könnte in ihr eine Alternative aufbauen?

    Ich frage mich, wie mag derjenige die Welt erkennen, wie kann er wissen, was das Telos dieser Welt ist, was in ihr möglich und unmöglich ist? Und ich frage mich weiter, wenn der Kapitalismus so bestimmend für unser Leben sein mag, wie kann jemand, der von dieser Annahmen ausgeht, vermuten, selber eine Ausnahme zu sein, der Bedingungen im Kleinen schaffen könne, in denen er von der Welt unbeeinflusst mit anderen leben kann?

    Wie kann er es schaffen, in einer alternativen Gemeinschaft, unabhängig von kapitalistischen Werten zu leben, frage ich mich. Funktioniert so eine Gemeinschaft nicht nur, wenn die größere Gesellschaft, in der diese Gemeinschaft lebt, eben solche Modelle anerkennt, wie z.B. das in einem der letzten Kommentare erwähnte Mönchstum ?

    Ich kann von mir nur sagen, mit der Welt, mit dem Leben komme ich nicht zurecht, für mich ist das Leben nicht zu bewältigen. Ich habe das Leben, ich habe diese Welt nicht im Griff. Und ich weiß nicht so genau, wo und wieweit diese Welt mich im Griff hat, auch wenn ich da einiges ahne….

    Davon bemerkt man nicht viel, und ich komme mit meinem Durcheinander ganz gut zurecht. Betrachte ich mich von aussen, bin ich sogar in meinem Chaos stabiler als viele, die alles im Griff zu haben scheinen.

    Ich vermute, Ordnung und Chaos, beides ist Ausdruck des Kapitalismus. Das eine erzeugt er, um das andere anbieten zu können – immer ein gutes Geschäft!

    Aber was soll das hier?

    Von mir abgesehen, stellt sich diese Frage als die Frage des Alltags und wieweit der Kapitalismus darauf Einfluss nimmt, nehmen kann?

    Die Antwort muss wohl eindeutig heißen: Ja! Von der Wohnsituation, Ernährung und auch im Verhältnis zu den Menschen, auf den Tages-, Jahres- und Lebenslauf bezogen nimmt der Kapitalismus gewaltigen Einfluss. Nicht nur materiell und dadurch auch moralisch, sondern auch auf der moralischen Ebene für sich hat der Kapitalismus seine bestimmte Wirkungen, verfügt er doch weitgehend wer und wo jemand in der Gemeinschaft steht.

    Wie kann ich dies beeinflussen?

    Schließen wir alternative Lebens-, Gemeinschafts und Arbeitszusammenhänge einmal aus ( die im Kleinen das kapitalistische Ego in Form von Sektenbildungen meist nur noch verstärken) und sehe ich mich als jemand an, so kann ich den Kapitalismus über Politik beeinflussen oder, indem ich selbst ein besserer Kapitalist werde, indem ich erfolgreich bin, was sich weitgehend pekuniär abbildet. Dann bin ich dem Kapitalismus aber voll ausgeliefert.

    Will oder kann ich z.B. auf Grund einer zu erhaltenden Familie – dem Erfolgsstreben nicht entsprechen, werde ich mich den Leistungsanforderungen, die die Arbeitswelt zunehmenden fordert, trotzdem nicht entziehen können.

    Als Konsument, als jemand, der Geld verdient und ausgibt und mit ihm umsichtig umgeht, habe ich die Möglichkeit, auf der materiellen Ebene seine Wirkung etwas zu neutralisieren. Ich muss dem Kreislauf mehr Geld zu verdienen, erfolgreicher zu sein, mehr wirtschaftlich zu leisten nicht unbedingt folgen. Ich kann mich darin so bewegen, dass ich optimal von ihm profitiere und mich von ihm nur minimal eingeengt fühlen muss.

    Ich kann sparen, vernünftig einkaufen und mir und meiner Familie nicht alles, was angesagt ist, leisten, kann die Sozialleistungen optimal nützen und die Arbeitszeit auf das Minimum reduzieren.

    All das geht, auch wenn es mehrerer Studien bedarf, um zu wissen, was in der Menge der Angebote haltbar, dauerhaft benutzbar, reparierbar und gesund ist.

    Es geht unter Verzicht, wenn ich meinen Lebensinhalt nicht nur aus Arbeit und Konsum besteht, bzw. wenn ich die Freizeit dazu verwende die Vertikalspannung abzubauen, was die Leistungsbereitschaft von der Arbeit in die Freizeit verlagert.

    Auf der ethischen Ebene wird es schon etwas schwieriger, kann ich doch nur selten erkennen, wo und wann ich der Zeit und ihrer Begehrlichkeiten aufsitze oder von Möglichkeiten Gebrauch mache, die mir der Konsum einfach bietet, ohne dass ich die daran gebundenen „Ausbeutungen“ wirklich wahrnehme oder wahrnehmen will.

    Geschweige denn, ich könne an meinem Verhalten immer feststellen, wann ich mir eine Haltung, einen Lebensstil, eine Meinung nur leisten kann, weil ich in Mitteleuropa geboren, erzogen und von allen diesen sozialen und kulturellen Errungenschaften profitiere.

    Wie komme ich dann aber dazu zu sagen, die marxistische Analyse sei zutreffend, das Kapital sei immer noch der bestimmende Faktor der Gegenwart, wenn ich in meinem Leben nur davon profitiert habe und das Negative des Systems sich nicht aufdrängt, mir eher Vorteile brachte, sich aber ansonsten eher verbirgt?

    Auch wenn ich in die Welt schaue, sagen mir die Massen, die nach Europa drängen, um an unserer Konsumwelt teilzuhaben doch auch: So schlecht kann diese Konsumkultur nicht sein!
    Wenn diese Konsumwelt es ermöglicht, dass theoretisch in Europa keiner hungern müsste, kosten doch drei Schweineschnitzel im Angebot nicht mehr als einen Euro und könnte man von dem, was an Lebensmitteln weggeworfen wird, nicht alle, zumindest die hier Darbenden ernähren?
    Können wir uns nicht so Absurditäten wie vegan zu Leben einfach leisten, ohne dessen ökologische Gesamtkonsequenzen im Ganzen zu bedenken.

    Scheint es der Kapitalismus doch auch ökonomisch realistisch möglich zu machen, dass in Mitteleuropa das Grundeinkommen für alle gefordert werden kann?

    Die ökologische Karte jetzt zu ziehen, wäre sicher angebracht, zeigt sich doch am deutlichsten die ausbeutende Tendenz des Kapitalismus an der Natur!

    Auch der Hinweis auf die Überproduktion in den Regalen und ausgeweiteten Schauräumen unserer Einkaufszentren mit all den Wegwerfprodukten, der sinnlos vergeudeten Arbeit und den tollen aber unnötigen Werbeeinfällen genügt mir nicht,
    als wirklich überzeugender Hinweis, als Beweis für das Primat des Kapitals in der Gegenwart!

    Denn, so vermute ich, all das ist mit Gewinnstreben zu verbinden und kann geändert werden, ohne dass der Kapitalismus an seine Grenzen kommt.

    Was kann denn dann überzeugender sein, als die durch Kapitalinteressen ausgebeutete Natur und die Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft durch sinnlose Produktion?

    Meine Argumente für unsere Konsumkultur, wirft, wenn sie gewendet werden, die Frage auf: Wären wir denn zufrieden, nachdem wir alles Lebensnotwendige konsumiert haben?

    Alle Versprechen, die uns der Konsum zu erfüllen vermag, werden den Menschen, der auch ein geistiges Wesen ist nicht zufriedenzustellen. Die Suche nach dieser geistigen Nahrung kann weitgehend konsumtiv umgeleitet und ersetzt werden, aber zufriedenstellen wird dies uns nicht!

    Das Rad des Wünschens wird nur noch schneller gedreht, die Unzufriedenheit und der Hunger wird nur noch größer, Zeit als Vorhandenes nur noch schneller verbraucht, um damit Neue erzeugen zu können.

    Insofern wird es auch sehr schwer sein, die Produktion auf eine „vernünftige Produktpalette“ zu reduzieren, da der Konsum als Leerlauf benötigt wird, um die Leere, die er erzeugt, zu füllen mit neu aufgefüllten Regalen ,die wiederum Leere erzeugen.

    Vielleicht liegt ja hier die entscheidende Einsicht: Das Begehren ist in seinem Ursprung oder in seinem Wesen nach Geistiges! Die Befriedigung im Konsum machte es zu etwas Materiellem, oder besser gesagt, indem ich es gekauft habe wurde es materiell.

    Auch das Geistige muss als materielles erkannt werden, um als Geistiges zu existieren: Peter Sloterdijk kann für den schlampig runtergelesenen Vortrag so eines Textes, wäre er von ihm, gut mal 20 000.- Euro verlangen. Ich hingegen müsste etwas dafür zahlen, wollte ich ihn vorlesen, schreibe ihn aber trotzdem.

    Warum?

    Weil ich den Primat des Kapitals erklären will! Um wenigstens den Eindruck von Macht zu haben? Macht über die Begriffe zu haben und damit nicht irgendjemand zu sein, sondern jemand Bedeutender ?

    Der den bedeutendsten Begriff erkennt, muss doch bedeutend sein – oder ?

    Sie sehen, wie das Begehren als geistig wirksame Potenz auftritt, dem gegenüber eine Million Dollar nur ein Windhauch ist.

    Mit einer Million Dollar oder mit mehreren kann keiner diese Einsicht kaufen, er muss sie haben.

    Wobei entscheidend sein wird, die Einsicht nicht mit ihrem Preis zu verwechseln, sondern ihre Plausibilität ihrer Vermittelbarkeit als den Preis anzusehen, der zu zahlen ist!

    Es kann gesagt werden: Der Konsumismus hat die Antwort gefunden, um als solcher überwunden zu werden: alles kann und muss konsumiert werden!

    Dann bitte! Lasst uns alles konsumieren!

    Auch die Religionen?

    Wieso sollen gerade diese heute aus dem Konsum ausgeschlossen werden?

    Soweit können wir es nicht kommen lassen:

    Sohn und Vater sind eins!

    „Es gehört zur Moral nicht bei sich zu Hause zu sein“
    TH. W. Adorno, Minima Moralia §18




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