Podlog #046 2017-02-15

15. Februar 2017, die 46. Folge. Ich habe heute ein paar Gedanken im Anschluss an Wolfgang Eßbachs Aufsatz “Wer war Marx? Bilder eines Intellektuellen.” notiert. Konkret beschäftigt mich die Frage nach der Suche nach einem neuen Marxbild. Die “Farce” der postmodernen Wiederkehr der vier Marxbilder kann wohl als beendet oder vollendet, auf jeden Fall als vorüber gelten. Aber was dann?

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3 thoughts on “Podlog #046 2017-02-15”

  1. Lieber Moritz!

    Dreifacher PURZELBAUM mit Esbachs Marx …….diese Sicht auf die 68er ist ausschließlich akademisch geprägt. Du siehst nur diese eine Tradition………..Die verändernde Kraft, die ins Zentrum gesellschaftlicher Veränderungen vorgedrungen war, die Künstler wie Joseph Beuys, Bazon Brock, Schlingensief und und eingeleitet haben, die jenseits von Protesten die sich im Dagegen ( auch der Grünen) verloren hatten, die jenseits akademischer Post und Postpositionen sich entwickelt hatten, sind hier nicht wahrgenommen………………Diese Kunstpositionen sind jenseits des kleinbürgerlichen Brillengestells eines Honecker angesiedelt…………………..die sich mit akademischer Karriere nicht vereinbaren liesen, nicht vereinbaren lassen………………………………ist der neue Marxismus, die Weiterführung und spißige Krönung jenes kleinbürgerlichen Miefs des 19. Jahrhunderts, der durch eine erneuerte Privatheit und sagenhafte Versplitterung von Gemeinschaften, wie sie durch Internet und Medienwechsel möglich werden, zu ungeahnten Größen sich aufschwingen sieht?

    Umso höher oben, ums schroffer
    werden die Berge!

    Günter




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  2. lieber günter,

    ich verstehe ja, dass man als alt-68er die kritik an der generation nicht wahnsinnig gut findet. aber zwei drei kommentare sind nötig:

    zum einen ist der honeckerbrillen kommentar so weit daneben, der sieht nicht mal land. das hat mit marx-bildern, einer auseinandersetzung mit gesellschaftstheorie (weil, so viel genauigkeit bei aller freiheit der kunst muss sein, darum ging es eben!) einfach gar nichts zu tun. dann kann man zwar immer noch sagen: (ich) mach lieber was anderes… z.b. kunst. dann bezieht sich der kommentar aber immer noch nicht auf die sache.

    ein anschliessendes wort zur gnadenlosen überschätzung der kunst: das hat mich schon beim langen sommer der theorie von philipp felsch gestört: ja, theorie ist in die kunst und kunst-“bewegungen” abgewandert, zumindest in teilen, und dafür kann und muss man die uni und die chefintellektuellen scharf kritisieren (was für ein grandioses versagen, dass sie es zuliessen, dass sie dem nichts entgegenzusetzen hatten, dass sie sich auf ihren lehrstühlen in den tiefschlaf gebrabbelt haben… unfassbar!). sie haben alles verpasst, was man nur verpassen konnte. und ich würde nicht zögern, diesen vorwurf zu machen. aber die kunst ist mit dieser theorie doch nicht besser umgegangen?! wo ist denn jetzt die kunst, die gerade berge versetzt, die ach so gefürchteten populisten in der politik verhindert, europäische ideen vor ihrem sicheren untergang bewahrt, die arbeitsverhältnisse anprangert und wirkungsvoll in gesellschaft und kultur interveniert? wo ist sie denn??? wo ist denn die reflexion des medienwandels durch die kunst, die wirklich eine andere welt denkbar macht?

    ja. da kann man beispiele nennen. und beuys finde ich auch sehr beeindruckend und habe ihn nicht einmal gekannt; oder bazon brock, der alte chef-grantler. klug finde ich ihn sehr. oder schlingensief! oder kluge (als grenzgänger zwischen film und theorie, kunst, theorie und ihrer vermittlung) nicht zu vergessen (85, happy birthday, btw.); und zahlreiche weitere künstler*innen und ihre werke könnte man nennen.

    aber kann man sich mit solchen hinweisen ernst nehmen? vor allem kann man das im vergleich zur wissenschaft, zur theorie, zu intellektuellen aller art, zur politik, usw.?
    kunst ist schlicht und ergreifend kein verdammtes stück besser als der ganze verkackte rest. da hilft es auch (und erst recht!) nicht, wenn man es einfach behauptet. kunst muss es zeigen. und wenn ich irgendwen, also wirklich IRGENDWEN, heute fragen würde: was denn der grosse beitrag der kunst sei – und was der der gesellschaftstheorien, dann würde die antwort wohl kaum überraschend gleich enttäuschend ausfallen. und ja, während der 68er hat kunst einen beitrag geleistet, der ins zentrum der gesellschaft vorstiess und veränderungen anstrengte. theorie im übrigen auch! für diese formen war damals der boden gut bestellt, alle konnten ihre samen aussäen und alsbald die früchte ernten (ihre professuren und kunstdozenturen, ihre ateliers und schreibstuben, ihre verlagsverträge und garantierten ausstellungen, ihre feuilletonkommentarspalten und radio/fernseh/talkshow auftritte…). so what? es sollte alle beruhigen, dass heute sich kaum mehr jemand an diese glorreiche zeit von theorie WIE von kunst erinnert, denn sonst würde die frage aufkommen können, was daraus denn bitte geworden ist. und DAS ist die frage der alt68er-kritik.

    und wenn ich den messerscharfen, analytisch präzisen und klugen alt68er essbach lese, mir über die marxbilder gedanken mache, und in meiner arbeit die anstrengung etwas zu denken versuche, was meiner beobachtung nach fehlt und aus gründen nicht gedacht wird; dabei aber nicht auf marx fragestellungen oder dialektisches denken verzichten kann, weil sie einfach NICHTS an aktualität verloren haben (im gegenteil viele ihrer ansprüche heute überhaupt erst in gesellschaft und ihren widersprüchen vorfinden), dann braucht es schon bessere argumente dagegen als die oben. marxlektüre mit den verdorbenen, überholten marxbildern der vergangenheit zu diskreditieren zu suchen, das ist das älteste spiel, das es gibt im bezug auf marx… da reiht man sich in eine ganz lange und furchtbar langweilige, strenggenommen saublöde reihe ein, in der man sicher nicht stehen will. und essbach zeigt ja immer noch und unermüdlich, dass es anders geht. man kann auch anders über marx und die sich stetig lichtenden und wieder dichtenden reihen schreiben…

    dass die sicht auf die 68er “ausschliesslich akademisch geprägt” sei, lass ich übrigens nur zum teil gelten. ja, weitestgehend ist sie akademisch geprägt, weil die 68er u.a. eine studentenbewegung waren, sich gegen und mit und in dem akademischen auseinandergesetzt haben – und jetzt in eben diesen verhältnissen eingerichtet angekommen sind; oder nicht mehr sind, keinen namen haben; vergessene kinder der revolution. oder sie machen kunst. und das erfolgreich oder nicht. aber der alt68er-kunst (im unterschied zu den “akademikern”)zuzusprechen, dass sie der proletarisch-nichtakademische zweig der 68er sei, ist doch absurd… wer konsumiert denn kunst? wer liest, wer schreibt, wer zerreist sich das maul über kunst und ihren betrieb, ihre bedeutung, ihre verantwortung und ihren nicht zu unterschätzenden beitrag zum wandel der gesellschaft in den feuilletons dieser tage? das sind nicht meine nachbarn hier in köln-kalk, das kann ich dir sagen. nur weil man nicht die karrierewege der akademiker teilt, sondern sich auf freie, anders-prekäre künstlerbiografien berufen kann und so seine biografien zu tausenden vertreibt, wiederum beachtet oder auch nicht in feuilletons (warum weiss nur der liebe gott), heisst das noch nicht, dass man hier auch nur ein iota anders schreibt…

    von einem “neuen marxismus” ist man doch heute weit entfernt. der ganze zenober um 150 jahre kapital können da auch nicht im geringsten hinwegtäuschen und sind mehr als aktion des buchhandels zu verstehen…

    von fast ganz unten, dem aber nicht weniger schroffen rhein-ufer aus köln,
    herzliche grüsse!

    moritz




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  3. Lieber Moritz!

    „wo ist denn jetzt die kunst“

    Da hast Du völlig recht, wo ist sie denn? Leider nur mehr am Markt vertreten!

    „aber kann man sich mit solchen hinweisen ernst nehmen? vor allem kann man das im vergleich zur wissenschaft, zur theorie, zu intellektuellen aller art, zur politik, usw.?“

    Ja, das muss ich sogar, denn ich kenne den „Erweiterten Kunstbegriff“ und muss sagen, dass dieser ganz simple Satz „Jeder Mensch ein Künstler“ mit all seinen Verwechslungen und Verdrehungen, in seiner gesamt gedachten Konsequenz
    die Diagnose und Therapie unserer Gegenwart darstellt.

    Du hast Dich mit Beuys scheinbar nie wirklich beschäftigt – obwohl Du in Herdecke lehrst ( Herdecke war vor seiner Gründung mit der Idee der FIU von Beuys verbunden)– so weißt Du auch nicht, wie detailliert Beuys sich z.B. mit dem Geldbegriff auseinandergesetzt hat um nur eine Konsequenz aus seinem erweiterten „Kunstbegriff“ anzuführen.

    Das entscheidende aber ist, Beuys hat überall und immer, ohne Überheblichkeit mit allen Menschen diskutiert, ob mit uns Schülern, ob vor gefüllten Arenen, ob mit Gegnern, auf Strassen, …………die freie Rede war ihm das wichtigste Anliegen und er führte sie aus, wie keiner!

    „es sollte alle beruhigen, dass heute sich kaum mehr jemand an diese glorreiche zeit von theorie WIE von kunst erinnert, denn sonst würde die frage aufkommen können, was daraus denn bitte geworden ist“

    Komm mal: Das selbe kannst Du über den Marxismus, über das Christentum, über die Psychoanalyse und und sagen….etwas Vergessenes, Zurückgedrängtes ist doch nicht der Beweis, dass ihm was fehlte, dass es falsch oder unwirksam sei?

    Da bitte ich doch den Herrn Dialektiker aufs Podium!

    „man kann auch anders über marx und die sich stetig lichtenden und wieder dichtenden reihen schreiben…“

    Ja, das finde ich auch, zB. Beuys sprach mit „ Jeder Mensch ein Künstler“ das aus. Mit anderen Worten meinet er damit den proletarischen Menschen.

    „aber der alt68er-kunst (im unterschied zu den “akademikern”)zuzusprechen, dass sie der proletarisch-nichtakademische zweig der 68er sei, ist doch absurd…“

    Wieso soll das absurd sein – Es ist so, und nicht als leere Behauptung!

    Die Kunst (nicht der Kunstbereich) ist, mehr als alle Theorie, die treibende Kraft.
    Und das, in dieser radikal ausformulieten Form erst seid den 60er Jahren. Nur wirken kann das nur wenn Menschen es begreifen!

    Aber Sätze, die in Büchern ( die Du z.B. erwähnst) stehen, sind nicht absurd?

    Leider hast Du die wesentliche Kritik nicht herauslesen können – vielleicht habe ich sie zu sehr verpackt?

    Da steht am Schluss eine Kritik an der Entwicklung, die sich durch Internet und Medienwechsel eröffnet, die eine unsägliche Zersplitterung der Gesellschaft bewirkt (nicht nur Freiheit, wie Stefan das gerne idealisiert sieht) und somit einem Biedermeier der Gewalt, aber auch „der Brille des Honecker“ alle Türen und Tore öffnet.

    Mit Grüßen ans steile Rheinufer !

    Günter




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