Podlog #163 2017-06-12

12. Juni 2017, die 163. Folge. Heute Notizen zu Beleidigungen – einem viel zu umfangreichen Thema, auf das ich beim Hören der Folge “(K)ein Urlaub in Volgarien” des Was Denkst Du Denn?- Podcasts wieder einmal gestossen bin. Dazu ein paar Gedanken, in Ehrenrettung für die Beleidigung… oder so gerade nicht.

Ah und was ich vergessen habe zu sagen: Beleidigungen und Schimpfen als Triebabfuhr ist natürlich eine psychologistisch und anthropologistisch Interpretation, die mir als Erklärung noch lange nicht reicht… aber das nur noch als schriftliche Notiz, die dem Mündlichen fehlt.

Quellen:

http://www.wasdenkstdudenn.de/2017/05/17/kein-urlaub-in-vulgarien/

Brugger, Winfried. “Verbot Oder Schutz von Haßrede? Rechtsvergleichende Beobachtungen Zum Deutschen Und Amerikanischen Recht.” Archiv Des Oeffentlichen Rechts 128, no. 3 (July 1, 2003): 372–411. doi:10.1628/000389103780195033.
mein Vortrag auf der Subscribe8:
Das empfohlene Lied:

besonders ab 2:44!

5 thoughts on “Podlog #163 2017-06-12”

  1. Extrem spannendes Thema. Dehalb noch ein paar Anmerkungen und argumentative Zuspitzungen.
    Ich würde erst einmal die drei Begriffe “schimpfen”, beschimpfen” und “beleidigen” unterscheiden. Formal beschreiben alle zwar so ziemlich den gleichen Vorgang, eine bewusste Überschreitung einer Grenze, die dazu dient ein Gegenüber verbal zu verletzen. Intentional haben die drei Begriffe aber einen anderen Charakter.
    Das “Schimpfen” kenne ich vor allem als erzieherischen Akt von Eltern gegenüber ihren Kindern. Das unerwünschte Verhalten eines Kindes wird durch eine mehr oder weniger wohlgemeinte negative Sanktion “behandelt”. Dabei wird die Verletzung des Kindes zwar billigend in Kauf genommen, ist aber nicht der Grund für das Schimpfen.
    Beim beschimpfen ist es ähnlich. Hier seh ich aber eher gleichberechtigte, bspw. Teilnehmer am Strassenverkehr, Personen, die sich nicht kennen, die über einen spezifischen Sachverhalt in Konflikt geraten. Meist beschimpft dabei eine Person eine andere Person, weil sie in ihrer Wahrnehmung eine Grenzverletzung festgestellt hat und durch Grenzverletzung darauf aufmerksam machen will. Was dann zu weiteren Grenzverletzungen der anderen Person führen kann. Das Erzieherische tritt dabei in den Hintergrund. Dieser Vorgang richtet sich aber auch nicht in der Hauptsache gegen die andere Person, sondern behandelt die Grenzverletzung.
    Anders bei der Beleidigung. Hier geht es praktisch nur noch um die Person, die aus vielerlei Gründen von der beleidigenden Person abgelehnt werden kann. Dabei spielt auch keine Rolle, ob die Personen sich kennen oder nicht. Beleidigungen zielen auf Personen, nicht auf Sachverhalte.
    Natürlich lassen sich die Begriffe nicht absolut trennen. Für eine Analyse find ich diese Unterscheidungen aber sinnvoll.

    Sehr wichtig find ich Deinen Hinweis zum Revolte-Charakter des Beschimpfens, der dazu dienen kann, eingeübte und erwartbare Gewalterfahrungen des täglichen Umgangs, die als solche nicht mehr wahr genommen werden, sichtbar zu machen. Durch das Beschimpfen wird Gewalt wieder als Gewalt erfahrbar und erst dadurch überwindbar.
    Große Probleme seh ich bei dem “Straftatbestand Ehrverletzung”. Ehre schöpft seine Bedeutung von anno dazumal und hat lohnt heute nur noch aus identitätstiftendenden Erwägungen betrachtet zu werden. Im Recht, das hier mal wieder zeigt, dass es nicht mehr zeitgemäß Verbindlichkeiten zwischen gesellschaftlichen Akteuren herstellen kann, hat der Begriff nichts mehr verloren. Ehre ist nichts, was sich eindeutig bestimmen lässt. Früher konnte man sich vielleicht noch einen gesellschaftlichen Konsens herbeifantasieren, wann eine Ehre verletzt war. Heute hat der Begriff je nach Milieu so viele Dimensionen, das man dabei nicht mehr mit gleichem Maß messen kann. (Was ist mit der Frau, die die Ehre ihres Bruders verletzt, weil sie unehelichen Sex hat, sollte man das strafrechtlich Verfolgen?)
    In die gleiche Kerbe würde ich schlagen, wenns um den Begriff der Würde geht, die damit eng zusammenhängt. Man könnte aus der Universalität der Unantastbarkeit der Menschenwürde sogar ein Argument konstruieren, das eben diese Universalität in Frage stellt. Menschen können sich in ihrer Würde herabgesetzt fühlen, wenn man sie mit Menschen gleichstellt, denen sie dieses Recht absprechen. Solche Menschen gibt es in Deutschland bis weit in die “Mitte”, das hört nicht bei den Idenditären auf. In einer homogenen Gesellschaft wie 1949 hat der Begriff noch Sinn gemacht, 2017 funktioniert das nicht mehr.

    Zu Zizek und seinen vulgären Witzen würde ich noch sagen, dass das ein zahnloser Tiger ist. Gerade dadurch, dass er seine Witze mit dem Hinweis ankündigt, dass das Folgende jetzt “dirty” wird, macht er sich über den eigentlich revoltierenden Charakter der Grenzübertretung lustig. Dabei wäre es wirklich wichtig, wie Du es sagst, die eingeübten Normen im akademischen Umfeld zu zerschlagen, um sich wieder ernsthaft mit Wissenschaft zu beschäftigen und nicht diesem Habitus-Quatsch anzuhängen.




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  2. Ich bin noch nicht ganz durch, aber grundsätzlich finde ich ja, nur, weil ein Richter etwas sagt und einschätzt und die Beleidigung als – wie er es beschreibt – undisziplinierte und spontane Meinungsäußerung wertet, ist das für mich noch lange keine Instanz. Richter und Gerichte habe jahrzehntelang gute Gründe gefunden, Vergewaltigung in der Ehe nicht als Straftat oder Gewaltakt anzuerkennen. Das waren sehr hochrangige, gut studierte Richter – und – mit Verlaub – trotzdem interessengeleitete Menschen.

    In meinen Augen – und vor allem als jemand, der sich auch beruflich viel mit verbaler Beleidigung auseinandersetzt – wird dem Wort hier die Macht abgesprochen. Eine Macht, die sehr wohl in derart eskalieren kann, dass sich – vor allem junge – Menschen bisweilen das Leben nehmen. Passiert vor allem dort, wo die Meinungsfreiheit so hoch gehalten wird wie nirgends sonst (USA). Worte können Gewalt sein. Beleidigungen können Menschen Gewalt antun. Nur, um das an dieser Stelle mal darzustellen.

    Trotz allem ist es mir – auch nach dem Gespräch mit Rita – weder gelungen, die Beleidigungen und Beschimpfungen aus meinem Alltag zu verbannen, noch erkenntnistheoretisch korrektere Beleidigungen anzuwenden. Ich gehöre auch zu den eher hitzigen und undisziplinierten Geschöpfen dieser Erde.

    Sehr wohl kann ich einsehen, dass Beleidigungen und verbale Erniedrigungen des Gegenübers in einer Diskussion (in einem Diskurs) nicht zielführend sind, beziehungsweise nicht konstruktiv. Sie verhindern – im direkten Diskurs verbal oder schriftlich – sich mit der Sache zu beschäftigen und lenken auf die Person.

    Auf der anderen Seite ist es natürlich auch eine Frage des Kontextes und des Adressaten. Denn natürlich kann die Beleidigung oder Beschimpfung als Stilmittel verwendet werden und erfüllt in dieser Form natürlich auch ihren Zweck indem sie erst mal grundsätzlich provoziert und den Diskurs heraufbeschwört. Aber auch der dreht sich dann eher selten um die Sache, sondern meist darum, ob und inwiefern die Beleidigung gerechtfertigt und/oder sogar strafbar ist.

    Im Übrigen möchte ich gerne betonen, dass wir niemandem das Beleidigen und Beschimpfen verbieten wollen! Das muss jeder so für sich halten, wie er oder sie es für richtig erachtet. Wir halten es allerdings in verschiedenen Kontexten für eben nicht dienlich. Der Sache nicht und auch nicht als Mittel für ein friedliches Miteinander :)




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    1. Da stimme ich natürlich voll zu, hatte ich ja auch erwähnt, dass es mir nicht um seine Autorität als Richter geht und dass Richter ebenfalls fragwürdige Entscheidungen treffen, sehe ich auch. Aber hier ging es um etwas anderes. Der zitierte Artikel ist eine rechtsvergleichende Arbeit, die sich auf zwei Verfassungen stützt, die als solche eine ganze Reihe anderer Verfassungen repräsentieren und massgeblich mitbestimmen, wie Gesellschaft(en) sich selbst beschreiben, oder eben: “verfassen”. Dabei geht es überhaupt nicht um einen Richter. Der Vergleich zu den USA, auch in deinem Kommentar, fällt etwas kurz: so einfach ist eine der bedeutendsten demokratischen Verfassungen nicht für ihre “Meinungsfreiheit” zu kritisieren. Besonders, weil es hier gerade nicht um Meinungsfreiheit, sondern um “freie Rede” und damit um das Wesen des Politischen (siehe den Vortrag auf der Subscribe8) geht. Da wäre so viel zu sagen, wie wäre es, dazu einen Podcast zu machen? Immerhin: ein kurzer Weg von euch auf die Schäl-Sick oder umgekehrt, ihr seid mir immer willkommen :))

      Deine übrigen inhaltlichen Punkte sehe ich natürlich auch. Ja, Beleidigungen lenken “von der Sache” ab, sind nicht “zielführend”, treffen “die Person”, usw. Mir ging es natürlich auch nicht darum, nun alle sachlichen Gespräche mit Beleidigungen anzureichern und zu hoffen, dass es etwas hilft :)
      Aber das kritische Potential von Beleidigungen wird bei eurem Gespräch m.E. unterschlagen. Mir ging es um Milieu- und Klassenunterschiede in der Sprache, den problematischen Gewaltaspekt gerade von Umgangs- und Höflichkeitsformen (in denen im Übrigen die gleiche Gewalt steckt, die du erwähnst: Vergewaltigungen in der Ehe “gab es nicht”, u.a., weil Takt, Sitte, Anstand, Pflichterfüllung, Zurückhaltung, und Moral dies nicht beobachtbar machten; da spielen ja genau Beleidigungen keine Rolle, sondern ihr Gegenteil: stabilisierend auf solche Herrschaftsstrukturen wirken die “guten Manieren” und Umgangsformen… eine mit allem “was sich gehört” brechende drastische Beleidigung in der Öffentlichkeit kann hier mithin solche Ordnungen in Frage stellen), und darum, dass Beleidigungen und vulgäre Sprache genau durch den Bruch mit der Sache darauf hinweisen können, dass es nicht nur durch sie nicht mehr “um die Sache” geht. Vulgäre Sprache mag eine kompliziertes Geflecht aus Achtungsregeln, Reputation, Autorität, Macht, Herrschaft, Einfluss, Abhängigkeiten unterschiedlicher Art, plötzlich überraschend durchbrechen, und genau damit “zur Sache” zurückführen! Wer Sprache in der Form zu kontrollieren hofft, mit Sachlichkeit, Sitte, und Moral z.B., der dient dem Erhalt von in Situationen eben nicht reflektierten Machtstrukturen (struktureller Macht statt physisch/verbaler Gewalt). Gerade WEIL es sich bei Beleidigungen um Formen der Gewalt handelt, stellen sie Macht in Frage. Macht hat nur, wer auf den Einsatz von Gewalt verzichten und trotzdem mit Gehorsam rechnen kann. In dem Moment, in dem – wer immer – Gewalt (und sei es in Form von Beleidigungen) vorzieht, ist der Machtanspruch erst mal gebrochen. Und das wäre u.a. mein Punk. Wenn du also schreibst, “Der Sache nicht dienlich und auch nicht als Mittel für ein friedliches Miteinander”, dann mag ich dir gerne zustimmen, das sind aber ja selten die Situationen, in denen man zu Beleidigungen greift. Also besonders friedliche oder besonders sachliche Gespräche etwa. Und was man ja ferner unter anderem von Butler, Foucault oder Bourdieu und Co. lernen kann, ist, dass gerade “friedlich” und “sachlich” oft nur etablierte Macht-Gewalt-Strukturen bezeichnen. Beleidigungen bringen manchmal zum Vorschein, was als gewaltsamer Widerspruch gerade “in den Sachen selbst” steckt.

      Und noch eine kleine Bemerkung zur Ehrlichkeit von Beleidigungen: sie geben wenigstens nicht vor, etwas anderes zu sein, (wie etwa z.B. die viel perfidere Kunst des Kompliments).

      Kurz: ich bin nicht einfach “für” Beleidigungen, aber ich bin gegen “gegen” Beleidigungen. :)




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  3. Das mit dem “für Beleidigungen” ist der Twittersprache geschuldet gewesen. :)

    Am besten gefällt mir dieser Freudsche Vertipper in deiner Antwort im Übrigen: “Und das wäre u.a. mein Punk.” Ich mag Punk!

    Was die Klassenunterschiede angeht, habe ich beim Hören zwischendurch trotz allem Bauchschmerzen gehabt. Ersetze verbale Gewalt (Beleidigung/Beschimpfungen) durch körperliche und prüf daran deine Argumente das Mileu betreffend. Wenn es nämlich zum Beispiel um Gewalt in der Erziehung geht (auch da geht es um Machtdemonstration und Machtgefälle), wäre mit den gleichen Argumenten pro Beleidigung und Impulsivität auch körperliche Gewalt zu rechtfertigen. Das ist dann halt eine gröbere Form der Auseinandersetzung. Und – das Wort hab ich von Rita – plebäisch (als Kontrapunkt zu aristokratisch).

    Ich glaube, wenn wir das wirklich ganz korrekt diskutieren wollen, kommen wir um den Punkt “Kontext” nicht herum. Heißt, wenn durch die Beleidigung zum Beispiel ein Missstand gesellschaftlicher Natur kommuniziert werden soll von eben einem weniger privilegierten an ein höhergestelltes gesellschaftliches Milleu, kann ich durchaus tolerieren, dass dort Beleidigungen verwendet werden, weil sich eben keiner gehobeneren Sprache bedient werden kann zum Beispiel. Aber es ist ja mitnichten so, dass bildungsfernere Milleus keine Definition von respektvollem Umgang hätten! Das wiederum würde ja unterstellen, dass wer weniger gebildet ist zwangsläufig von Beleidigungen Gebrauch machen müsste, um seinen Unmut zu bekunden. Das wiederum fänd ich auch schwierig. Zumal sich privilegierte Milleus ja ebenfalls unglaublich gerne der Beleidigung oder Beschimpfung bedienen. Da muss man nur mal Bundestagsdebatten verfolgen.

    Von daher finde ich persönlich es fast diskriminierend das Thema so zu diskutieren, als würden im Einfordern von Umgangsformen dem bildungsfernen Milleu die Ausdrucksmöglichkeiten “geklaut” werden, weil sie’s halt nicht besser können. :)

    Am Ende geht es in unserem Beispiel ja vor allem um das Miteinander in einem Kontext auf Augenhöhe. Beziehungsweise Augenhöhe herzustellen, indem die Beleidigung des Anderen hinten angestellt und der Fokus auf die inhaltliche Diskussion gelegt wird. Also darum, das Miteinander von Menschen im Straßenverkehr oder in sozialen Netzwerken etwa zu befrieden, das gerade ja dann doch sehr ausufert, was das gegenseitige Beleidigen, Beschimpfen und Bepöbeln angeht. Und zwar vor allem vor dem Hintergrund, dass viel zu viel Kontext fehlt (neben Mimik und Gestik ja auch die Kenntnis darüber, mit welcher Person ich es auf der anderen Seite überhaupt zu tun habe).

    Über die Reflektion dieses Umstandes lässt sich ja vielleicht am Ende doch zumindest ein bewussteres Beschimpfen und Beleidigen etablieren statt ein inflationäres. Damit allein wäre schon viel gewonnen.

    Und ja: Am Ende erklären wir die Utopie einer friedlichen Welt als Ideal. Aber drunter will ich’s einfach nicht machen (für Rita kann ich da jetzt nicht sprechen, aber für mich) ;)




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