Podlog #127 2017-05-07

7. Mai, die 127. Folge. Heute kurze Notizen, fast schon a la “Auf dem Holzweg”… dann aber doch erst im Anschluss zu Hause aufgenommen. Das Thema heute ist Kunstkenntnis und Halbwissen. Was weiss man, wenn man was von Kunst weiss? Und wie sieht man dann Welt? Günter hätte ich auch gern gefragt, aber gut, so notiere ich eben kurz meine Gedanken und Fragen; mal sehen, wie und wann es damit weitergeht.

2 thoughts on “Podlog #127 2017-05-07”

  1. Interessante Gedanken und schönes Bekenntnis dazu (endlich mal einer!), dass man mit Bildern/ Objekten eins-zu-eins nichts anfangen kann. Die Meinung, dass der Versuch der Kontaktaufnahme mit einem Bild bei vielen nicht glückt und dass durch den Ausstellungsbesuch (“Toll!”) nur ein Stück vom Prestigekuchen erhascht werden möchte, teile ich; ich selbst würde das Einlassen auf Kunst am ehesten durch das Einlassen auf die Psyche eines anderen Menschen beschreiben.

    Bis vor nicht allzu langer Zeit war ich z.B. sehr geschichts-desinteressiert. Es ergab sich, dass ich in eine Phase kam, in der ich mich durch jede Ausstellung schleppte, und langsam fügte sich ein grobes Gesamtbild ca. ab der Renaissance zusammen; im Gegensatz zu Geschichtswissen, das sich in harten Fakten, Jahreszahlen, Vertragsunterzeichnungen (…) niederschlägt, ist der Weg über die Kunst indirekt. Man schaut durch ein Auge des Prestige; was als schön empfunden wurde; oder aber auch, was als hässlich empfunden wurde (z.B. ab ~1840 Abkehr vom edlen, guten Klassizismus hin zu Realismus, Politisierung durch Zeigen der Arbeiterschicht).
    Ich würde genau deine Worte verwenden: Es zeigt einem etwas über Welt, über den Kontext von Denken und Weltbeobachten. Dies kommt – bei mir zumindest – nicht “aus” dem Bild, sondern vielmehr aus der Beschäftigung drumherum mit der Materie (seien es Bücher, Dokus oder ein paar Absätze Wikipedia :). Im Museum sind alle immer stark zu zeigen bemüht, dass sie des Kaisers Kleider auch wirklich sehen und bewundern; der Kunsthistoriker, der jede Andeutung, jedes Symbol im Bild sezieren kann, ist rar, doch ist die Vorstellung von ihm wohl das, was propagiert, dass man sämtliches Wissen durch Bildanschauen absorbieren könnte.

    Letzten Endes fühle ich mich über das Handwerk mehr verbunden mit Menschen. Ob sie nun vor 120 Jahren die Impressionisten mitbegründet oder vor 4000 Jahren Sarkophage gemeißelt haben, sie möchten einfach nur zeigen, ausdrücken, verewigen; etwas schaffen. Seit dem Onanie-Podcast schwirrt mir das Bild übrigens im Kopf herum. Bist du nicht auch irgendwie ein Künstler? Jemand, der etwas in seinem Kopf erschafft, die Welt und die Gedanken anderer verarbeitet; es aufschreibt oder in ein Mikrofon spricht; Gedanken skizziert (!), um sie vor sich zu sehen und davon ausgehend weiterzuarbeiten?

    Zu Roderick on the Line: Weißt du noch (ungefähr), wann ungefähr dort über das Entkanonisieren von Literatur gesprochen wurde?




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  2. Zu Podlog 06.05.17

    ” ich gehöre noch zu einer Generation die bedauern kann nicht über den Kanon der Literatur wie der Bildender Kunst zu verfügen, während jüngere Generationen schon gar nicht mehr wissen was ihnen fehlt” – so in etwa spricht Moritz, der so um die 35 Jahre alte Doktorand.

    Ich werde im Sommer 69 Jahre, dass ich einiges mehr gelesen und an Bildern gesehen habe ist nicht verwunderlich, trotzdem frage ich mich: Habe ich im Alter von Moritz dasselbe gedacht?

    Ja, laß ich Wolf Lepenies, war ich überwältigt von dessen Literaturkenntnis, und bin das heute noch lese ich Giorgio Agamben. auch wenn die Proportion zwischen dem, was ich kenne sich verändert haben mag, früher kannte ich fast nichts, heute kenne ich einiges, aber vieles immer noch nicht?

    Zur zweiten Frage die Du in dem Podlog stelltest:

    Kann die Kenntnis von Bildern, können kunstgeschichtliche Kenntnisse die Sicht der Welt verändern und wie?

    Nicht leicht zu beantworten, gibt es doch einige Kunstgeschichtsprofessoren die genauso dumm in die Welt schauen wie jemand, der noch nie ein Museum von innen gesehen hat?

    Aber trifft das nicht auf jedes Studium zu? Lernen wir nicht in jedem Fachstudium all jene Vorurteile, die es uns so schwer machen die Sachverhalte des Faches unvoreingenommen zu betrachten?

    Was kann ich angesichts dessen jemanden sagen, der Interesse daran hat zu erfahren, was er lernen könnte, würde er über mehr kunstgeschichtliche Kenntnisse verfügen, würde er mehr Kunst gesehen haben.

    erstens:

    Rudimentäre Kenntnisse von Stilen, Ismen, Epochen, Richtungen,Tendenzen helfen dann, wenn deren Bezeichnungen durch stetige Neugier und Beobachtungen auf Reisen, in Museen und Ausstellungen, bei Stadtspaziergängen und und genährt werden.

    So führt der Vergleich dazu, dass regional unterschiedliche Ausbildungen,
    Barock in Spanien im Gensatz zum Barock in Dresden, zum österreichisch, bayrischen Barock oder zum Jesuiten-Barock erkannt werden.

    Wenn sich daran ein gezieltes Literatur – und Geschichtsstudium anknüpft erschließen sich Netzwerke die Zeiten und Regionen verbinden, wird der Lombardische Steinmetz in Rom erkannt, das keltische Ornament in der christlichen Kunst, das Bild der römischen Senatoren in der Abendmahlsdarstellung, kann die frügische Mütze von Ägypten über die französische Revolution bis zur Schlumpf-Mütze hin verfolgt werden.

    (Über den Einsatz von Sprachbildern habe ich in dem Beitrag zum Bespiel einiges Ausgeführt.)

    Kann man alle Elemente die zu 9.11 führten Punkt für Punkt in den Diskussionen der Aktionskunst wiederfinden usw.

    Besucht jemand regelmäßig Museen wo Kunst bis zum 19Jh. zu sehen ist, wird er bald bemerken, dass unsere Auffassung von Bild, die sich an der Fotografie orientiert, ein Sonderfall von Bild ist und überhaupt nicht das ist, was Bilder waren.

    Dass Bilde ein Dichte besaßen, dass es heute einiger Filme bedürfte, um die darin gefassten Inhalte nur andeutungsweise wieder zu geben.

    “Das Brief lesende Mädchen” von Jan Vermeer, “der Blindensturz” von Pieter Brueghel sind solche dichte Bilder, die einen komplexen Inhalt in einem Bildraum vereinigen können. An diesen kann erübrigt werden, wie Kommunikation heute, in den verkürzten Formen der neuen Medien vor sich geht und in welchen Traditionen sich z.B Twitter bewegt.

    Es wäre verfehlt zu meinen, die zeitliche Aufschließung im Nacheinander unserer Gegenwart würde mehr bringen als die Verdichtung in der Gleichzeitigkeit älterer Bildformen.

    Wie sieht es mit der Gegenwartskunst aus?

    Gerade für die Zeit ab 1900 ist die Kenntnis der entscheidenden Eckpositionen wichtig, wobei diese sich nur aus deren kunsttheoretischen Hintergründen erschließen.

    Ein Modrian, Klee, Mallewitsch, Duchamp, J. Cage, Conceptkunst, Aktionskunst sagt viel über unsere Welt, gerade dadurch aus, dass sie keine Weltbilder mehr anbieten, sondern nur Haltungen zur Welt einnehmen, die aber Welt-erschließend sind.

    Wieso malt jemand heute Quadrate und nicht Bäume, Landschaften oder Portraits?

    Wieso wurden die Figuren von Giacometti so dünn, in einer Zeit in der unsere Konsumkultur erst im Entstehen begriffen war?

    Künstler stehen oft viel direkter und unvermittelter für die Haltung einer Zeit wie Schriftsteller oder Philosophen die der Worte bedürfen.

    Ich hoffe wenigstens ein wenig Appetitanregend gewirkte zu haben

    Aus den Bergen

    Günter




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